Die für ihre exzellenten Motorräder aus den 10er und 20er Jahren berühmt gewordene Marke aus Schönau bei Chemnitz kam Ende der 20er Jahre in finanzielle Schwierigkeiten und musste ihre Motorrad-Sparte verkaufen. In den 30er Jahren wagte Wanderer in diesem Bereich wieder einen Neuanfang mit motorisierten Fahrrädern
Ein Motorrad von Wanderer galt in den 20er Jahren als der schiere Luxus auf Rädern und als ein Qualitätsprodukt par excellence. Begonnen hatte alles sehr früh, als Johann Baptist Winkelhofer und Richard Adolf Jaenicke zuerst ein Velociped-Depot für Rudge-Hochräder eröffneten und ab 1886 ihre eigenen Fahrräder anboten. Ihre Marke nannten sie „Wanderer“, eine Übersetzung des englischen „Rover“. Damals orientierte sich die komplette Fahrradindustrie an englischen Vorbildern, da die britische Fahrradindustrie weltweit führend war. 1902 begannen die beiden ihre ersten Motorräder und 1905 ihre ersten Automobile zu bauen. 1913 brachten sie mit dem Kleinwagen Wanderer „Puppchen“ einen Bestseller auf den Markt. Durch die Präzision, mit der ihre Fahrräder, Motorräder und Autos gemacht waren, erlangten sie einen ganz besonderen Stellenwert. Ihre Motorräder zählten damals zur absoluten Oberliga im Motorradbau. So schrieb etwa Erwin Tragatsch:“Bei Wanderer kannte man nur das Beste, nie das Billigste“. Leider hatte der hohe Anspruch auch zur Folge, dass sich nur wenige den Luxus einer Wanderer leisten konnten. So kam die Firma,- mittlerweile eine Aktiengesellschaft-, in finanzielle Schwierigkeiten. Auf Druck der Banken musste Wanderer Lizenzen verkaufen und die Motorrad-Sparte aufteilen. Die Fertigungsanlagen für die Motorräder gingen 1929 an NSU und die Konstruktionspläne der 500K, einem Halbliter-Motorrad mit Pressstahlrahmen und Kardanantrieb, an den tschechischen Ingenieur Frantisek Janecek nach Nusle bei Prag. Allerdings war diese von Wanderer nur kurze Zeit (1927-1929) gebaute 500K eine Fehlkonstruktion. Bei Janecek wurden ihr die Fehler abgewöhnt und es entstand daraus die erste Jawa (Wortschöpfung aus Janecek und Wanderer). Die Automobil-Sparte von Wanderer bildete ab 1932 zusammen mit Horch, DKW und Audi die Auto Union. Im Schönauer Wanderer-Werk entstanden von nun an Schreibmaschinen, Rechenmaschinen, Werkzeugmaschinen und Fahrräder, mit und ohne Motor.
Ab den frühen 30er Jahren baute Wanderer, dem Trend der Zeit nach einem kostengünstigen Transportmittel folgend, Motorfahrräder und Leichtmotorräder. Möglich war dies, weil es nun Einbaumotoren von Fichtel & Sachs gab. Vor allem die Wanderer mit 98 ccm-Fichtel & Sachs-Einbaumotor sollte ein Renner werden
Natürlich waren diese Wanderer nicht mehr vergleichbar mit den exzellenten Motorrädern aus den 20er Jahren. Doch auch 1930 war man sich bei Wanderer des Anspruchs durchaus bewusst, den der Klang des Markennamens immer noch besaß. Eigene Motoren baute man allerdings nicht mehr. Vielmehr wurde Wanderer in den 30er Jahren einer der größten Abnehmer für Einbaumotoren von Fichtel & Sachs in Deutschland. Das abgebildete Modell, das auch als Chrom-Modell bezeichnet wurde, ist ein ganz frühes Beispiel eines Wanderer-Motorfahrrades mit Sachs-Einbaumotor. Das Modell 1 besaß den frühen Sachs-Einzylinderzweitaktmotor mit 74 ccm Hubraum und einer Leistung von 1,25 PS, mit dem Fichtel & Sachs gerade in den Bau von Einbaumotoren eingestiegen war. Das Fahrgestell bestand aus einem verstärkten Fahrradrahmen, Vorder,- und Hinterrad waren ungefedert. In dieser schlichten Ausführung erreichte das Motorfahrrad eine Höchstgeschwindigkeit von circa 30 km/h. Die auf das Modell 1 folgenden Versionen erhielten bald einen besseren Rahmen mit gefederter Vorderradgabel und waren, nachdem Sachs 1932 mit seinem neuen 98er Zweitaktmotor auf den Markt kam, auch bald mit diesem leistungsstärkeren Triebwerk bestückt.
Fotos & Text: Marina Block
Technische Daten
Motor: Einzylinder-Zweitaktmotor von Sachs, luftgekühlt
Hubraum: 74 ccm
B x H: 42 mm x 54 mm
Leistung: 1,25 PS bei U/min
Höchstgeschwindigkeit: 30m/h
Zündung: Bosch Umlauf-Magnetzünder
Vergaser: Sachs Drosselklappenvergaser
Kupplung: Einscheiben-Trockenkupplung
Getriebe: Zweiganggetriebe, Kulissenschaltung
Vorderradaufhängung: starr
Hinterradaufhängung: starr
Bremsen: Rücktrittbremse, Klotzbremse auf Vorderrad