NSU - Lambretta (1954)

NSU, der größte Motorradbauer der Nachkriegszeit, brachte 1950 zwei wegweisende Motorräder auf den Markt. Vorgestellt wurde die geniale NSU Fox mit 100 ccm ohv-Motor und der in Lizenz gebaute Motorroller Lambretta. Schon früh hatte NSU den sich abzeichnenden Trend zum Motorroller erkannt und schloss Anfang der 50er Jahre einen Lizenzvertrag mit der Mailänder Firma Innocenti, die bereits seit mehreren Jahren sehr erfolgreich ihren 1945 von Ingenieur Pierluigi Torre entwickelten Lambretta-Roller baute. Als NSU Lambretta mit erst 125 ccm und später 150 ccm Zweitaktmotor hatte der, von Chefkonstrukteur Albert Roder modifizierte Roller auch in Deutschland zwischen 1950 und 1956 einen riesigen Erfolg und avancierte hier zum meistverkauften Motorroller

Die Entscheidung, die erfolgreiche italienische Lambretta in Lizenz zu bauen, war klug, denn so konnte die vor der Schließung stehende Reparaturabteilung für US-Militärfahrzeuge mit der Produktion eines neuen Fahrzeugs weiter beschäftigt werden und man hatte nun einen modernen und begehrten Motorroller im Programm, der nicht erst kostspielig selbst entwickelt werden musste. So war es weit günstiger und ging vor allem auch schneller. Mit der Vespa von Piaggio und mit der Lambretta von Innocenti hatte 1946 der unaufhaltsame Siegeszug dieser Fahrzeuggattung um die ganze Welt begonnen

Für Vespa konnte NSU keine Lizenz mehr bekommen, da sie 1949 bereits an Jakob Hoffmann vergeben wurde. Also wich man auf die Lambretta von Ferdinando Innocenti aus, die nicht weniger gelungen und elegant geformt war wie die Vespa von Piaggio.

Der Motorroller wurde als „zivilisiertes“ Zweirad empfunden und gewann in den 50er Jahren immer mehr Anhänger. Er galt in der beginnenden Wirtschaftswunderzeit als annehmbarer Autoersatz, bis man sich den ersehnten Kleinwagen leisten konnte. So wurde er auch als Auto-Scooter oder Autoroller bezeichnet

Eine komfortablere Alternative zum Motorrad war er nicht nur dank seines vor allem von Kleider tragenden Frauen sehr geschätzten, freien Durchstiegs vor der Sitzbank, sondern auch wegen des Schutzes, den die reichhaltige Blechverkleidung vor Schmutz und den Widrigkeiten des Wetters bot. Aber nicht nur das, bald schon avancierte der Roller mit seinen kleinen dicken Rädern zur Manifestation eines Lebensgefühls und zum Kultobjekt einer jugendlichen Subkultur in der Wirtschaftswunderzeit.

Die Lambretta war auf Gebrauchshärte hin konstruiert und hatte viele Langstreckentest mit Bravour absolviert. Sie besaß einen tiefen Schwerpunkt, für einen Roller gute Fahreigenschaften und war von NSU in etlichen Bereichen optimiert worden. Auch die Ausstattung war reichhaltiger als beim Ausgangsmodell

Bei der Lambretta lag der gebläsegekühlte Zweitaktmotor vor dem Hinterrad. Der Antrieb des von einer Kurzarmschwinge aufgenommenen Hinterrads erfolgte über eine Kardanwelle samt Kegelrädern. Diese Tatsache wurde von Werbechef Arthur Westrup gerne als „autoähnlich“ herausgestellt. Die NSU Lambretta bekam eine Magura-Schaltung und einen Vergaser von Bing. Die Elektrik stammte von Noris und Hella. 1952 kam eine Luxusversion mit Zweifarbenlackierung, Stoßstange am vorderen Schutzblech und elektrischem Parklicht hinzu. Ab 1953 wurde der Kickstarter von einem elektrischen Starter, wie ihn auch unser Modell von 1954 besitzt, abgelöst. Für das Modelljahr 1955 wurde der Motor auf 150 ccm vergrößert und erhielt zudem die „beruhigte“ Luftfilterung wie sie auch die Max und Supermax besaßen. Laut einer Statistik kamen die meisten Käufer einer NSU Lambretta aus Industrie, Handel und Handwerk, waren Freiberufler oder Angestellte.

Fotos & Text: Marina Block


Technische Daten

Motor: Einzylinder-Zweitaktmotor, gebläsegekühlt

Hubraum: 123 ccm

B x H: 52 x 58 mm

Verdichtung: 6:1

Leistung: 5,1 PS bei 5200 U/min

Höchstgeschwindigkeit: 75 km/h

Vergaser: Bing-Einschiebervergaser

Zündung: Noris-Schwungmagnetzündung

Elektrik: 6 V 30 W

Getriebe: Dreiganggetriebe, Drehgriffschaltung

Kraftübertragung: über Kegelräder und Kardanwelle auf Hinterrad

Rahmen: Zentralrohrrahmen

Vorderradaufhängung: gezogene Kurzschwinge, Schraubenfedern

Hinterradaufhängung: einseitige Kurzschwinge, zwei gekapselte Schraubenfedern

Bremsen: Trommelbremsen vorn und hinten; 98 mm-vorn, 139,5 mm-hinten

Radstand: 1240 mm

Länge: 1740 mm

Reifen: 4,00 x 8“

Gewicht: 95 kg

Tankinhalt: 6 l

Verbrauch: 2,2 l auf 100 km

Stückzahl: 117045 Ex. insgesamt

Bauzeit: 1950-1956 (ab Modelljahr 1955 mit 150 ccm)

Bilder

Informationen:

MarkeNSU
ModelLambretta
Baujahr1954

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