Bis zum ersten Weltkrieg waren Elektrofahrzeuge ungeheuer beliebt und teilweise sogar zahlreicher anzutreffen als Dampfwagen oder Benzinautos, denn sie hatten viele Vorteile. Sie waren leise, stanken nicht, waren zuverlässig und ungeheuer leicht zu bedienen. Man musste sie weder ankurbeln, wie den Benzinwagen, oder ein umständliches Startprozedere durchführen, wie beim Dampfwagen, und auch ein Getriebe (damals natürlich unsynchronisiert) wurde nicht benötigt
Außerdem konnte man sich stets im Sonntagsstaat auf den Weg begeben, denn schmutzig machte man sich am E-Mobil nicht. So wurde das Elektroauto bald zum prädestinierten Fahrzeug für die Frau von Welt. In dieser Weise wurde auch der Detroit Electric beworben und zudem als Fahrzeug der Zukunft angepriesen. Viele Frauen bekannter Automobilisten oder Wissenschaftler fuhren ein Elektromobil (etwa Clara Ford oder Mina Edison) und wussten es zu schätzen. Denn mit einem Elektroauto konnten die Frauen allein unterwegs sein und waren nicht auf Hilfe angewiesen, um etwa den Motor anzukurbeln. Außerdem hatten sie, da die Fahrerposition hinten war, ihre Kinder immer im Blick. Typisch in frühen Walt Disney-Comics, die immer versuchten auch einen Bezug zu ihrer Zeit herzustellen, war der Detroit Electric mit Oma Duck hinter dem Volant. Aber nicht nur bei Frauen war er sehr beliebt, auch Ärzte und Vertreter anderer städtischer Berufsstände, die auf ein schnell startklares Fahrzeug angewiesen waren, gehörten zu den Kunden.
Das Elektroauto war damals das ideale Stadtauto
Da es außerhalb der Städte kaum befestigte Wege gab, spielte eine geringe Reichweite keine Rolle. Elektroautos kamen mit einer Batterieladung ungefähr 100 km weit, bevor sie an die Ladestation mussten. Das war für die Stadt völlig ausreichend. Auch das meist sehr stattliche Gewicht der Fahrzeuge, die schwere Batterien zu tragen hatten und oft sehr gut ausgestattet waren, spielte in der Stadt keine große Rolle. Erst als es mehr befestigte Straßen gab und man weitere Strecken mit dem Automobil bewältigen wollte, wurde es für den Elektrowagen eng.
Die Handhabung des Detroit Electric war einfach, denn das meiste wurde mit nur zwei leichtgängigen Hebeln bewerkstelligt
Gelenkt wurde mit einem langen Hebel. Mit einem weiteren, kleineren Hebel konnte man in fünf Stufen beschleunigen und verlangsamen. Wenn der Hebel kräftig zum Fahrer gezogen wurde, aktivierte dieser Vorgang eine elektromagnetische Notbremse. Ansonsten stand eine auf die Trommelbremsen an den Hinterrädern wirkende Fußbremse zur Verfügung, die sich feststellen ließ, wenn man das Fahrzeug abstellen wollte. Der kupfergewickelte Elektromotor befand sich, gut über eine Klappe zugänglich, unter dem Fahrgastraum. Wo sonst Motor und Kofferraum ihren Platz fanden, waren beim Detroit Electric zusammen 84 Volt mobilisierende Batterien positioniert.
Mehrere Ereignisse drängten das Elektromobil immer mehr ins Abseits
So machte die Erfindung des elektrischen Anlassers und sein serienmäßiger Einsatz beim Lancia Theta und später (ab 1913) bei Cadillac das Benzinauto immer attraktiver. Auch der Ausbau des überregionalen Straßennetzes und die weitere Verbreitung von Tankstellen förderte gerade ihre Verbreitung, weil man nun einfach und komfortabel weite Strecken bewältigen konnte. Dennoch hielt sich das Elektroauto noch relativ lange im Straßenbild der Städte und war sogar bis in die späten 30er Jahre anzutreffen, wobei die Detroit Car Company unter den Elektrowagen-Produzenten am längsten durchhielt.
Die Detroit Electric Car Company baute bis 1939 Elektrowagen. Sie zählte mit über 45000 verkauften Detroit Electric bis dahin zu den erfolgreichsten Produzenten von Elektroautos
Gegen Ende der Produktionszeit wurden in der Firma auch häufig zurück genommene, ältere Fahrzeuge wieder aufgearbeitet. Schließlich war die Technik eines Elektrowagens nahezu unzerstörbar. Lediglich die Batterien waren ein Fall für sich. Die überarbeiteten Fahrzeuge wurden dann wieder als neue Fahrzeuge verkauft. So war es auch bei dem abgebildeten Detroit Electric mit damals bei Elektrowagen verbreitetem und luxuriösem Brougham-Aufbau aus Aluminium. Zum ersten Mal verließ er 1915 die Werkshallen und tat es 1930 nach einer Überarbeitung ein zweites Mal. Auch heute noch ist der Detroit Electric ein gutes Stadtauto. Er fährt über 50 km/h, hat eine gute Beschleunigung, ist wendig und bequem. Beeindruckend ist auch sein exzellenter Originalzustand.
Fotos & Text: Marina Block
Technische Daten
Triebwerk: Elektromotor, 2 x 42 Volt
Reichweite: ca. 120 km
Höchstgeschwindigkeit: ca. 55 km/h, fünf Geschwindigkeitsstufen
Radaufhängung vorn: Starrachse, Blattfedern
Radaufhängung hinten: Starrachse, Blattfedern
Chassis: Leiterrahmen
Karosserie: Brougham-Aufbau, Opera Coupé-Linie
Bremsen: Fußbremse auf Hinterräder, Feststellbremse (Fußbremse), elektromagnetische Notbremse
Gewicht: ca. 2400 kg
Reifen: 33 x 4 1/2
Bauzeit: 1908-1938