Sein avantgardistisches, wenn auch stark polarisierendes Design und seine zukunftsweisende Technik verblüffte 1936 die Fachwelt. Mit dem Modell Dynamic verabschiedete sich Panhard & Levassor, einer der ältesten Automobilproduzenten der Welt von seinem klassischen Styling
Für Qualität und Innovation war das seit 1872 in Paris beheimatete Unternehmen Panhard & Levassor seit jeher bekannt. Großes Aufsehen erregte in den 30er Jahren vor allem der Dynamic, der sich vom Gros der Luxuskarossen jener Tage deutlich abhob. Denn P&L präsentierte mit diesem Modell das modernste Fahrzeug der Luxusklasse in Frankreich. Ausgestattet mit einer selbsttragenden und aerodynamischen Ganzstahlkarosserie, hydraulischen Zweikreis-Servobremsen, zentraler Fahrerposition mit Platz für drei Personen vorn, automatischer Kupplung (wahlweise) und Freilauf, Drehstabfederung vorn und hinten, einem futuristischen Design und vielen weiteren technischen Innovationen stahl er 1936 allen anderen Neuheiten die Schau. Zu den Highlights zählte ferner der erstmalige Einsatz gebogener Scheiben auch in den Türen, die außen bündig angebracht waren. Das und die verkleideten Radkästen trug viel zur guten Aerodynamik des Dynamic bei. Etwas Besonderes war ebenso die Türschloßkonstruktion, die ein Absacken der Türen verhinderte. Auch besaß der Dynamic bereits elektrische Blinker und im Nummernschild transparente Buchstaben, die von hinten beleuchtet wurden.
Verantwortlich für soviel Innovation waren bei Panhard & Levassor der Ingenieur Louis Delagarde und der Künstler und Designer Louis Bionier
Louis Delagarde hatte wie auch die Firmengründer René Panhard und Emile Levassor seine technische Ausbildung an der Ecole Centrale von Paris erhalten. Louis Bionier war hingegen eher ein Künstlertypus mit ausgeprägtem technischen Verständnis. Bevor er zu P & L kam, sammelte der talentierte Autodidakt einige Zeit Erfahrungen bei Voisin. Dann wurde er von Paul Panhard entdeckt und dem „bureau de dessin“ zugeteilt. Hier machte Bionier schnell Karriere und stieg zum Chefdesigner auf, dessen stilisistische Handschrift nicht nur der Dynamic trug, sondern der in der Nachkriegszeit auch die ausgefallene aerodynamische Studie Dynavia schuf und für das Styling der Dyna-Modelle sowie für das letzte Modell von P & L, den Panhard 24 verantwortlich zeichnete.
Als Triebwerk diente ein Knight-Hülsenschiebermotor, der statt mit Ventilen mit Hülsenschiebern versehen war. Schon seit 1910 hatte P & L ein Faible für dieses Motorenprinzip
Knightmotoren hatte halbkugelförmige Verbrennungsräume und zeichneten sich durch einen angenehm leisen und ruhigen Lauf aus, waren enorm elastisch, besaßen eine gute Durchzugskraft und verbrauchten weniger Brennstoff als ihre Kollegen mit Ventilsteuerung. Bei diesem Viertaktmotor bewegten sich Hülsen paarweise pro Zylinder zwischen Kolben und Zylinderwänden auf und ab und gaben wechselweise den Auslass und den Einlass frei. Nachteilig waren die hohe Baukosten, eine Begrenzung in der Höchstdrehzahl und das kleine Ölwölkchen, das sie hinterließen.
Als der Dynamic 1936 auf dem Markt erschien, löste er wie alle Neuerungen nicht nur Begeisterung aus
Denn die überwiegend konservative P & L- Kundschaft empfand die neue Formgebung zum Teil als zu gewagt und den reichlichen Einsatz von Art Deco-Elementen als „un peu trop rococo“. Andererseits hatte der Dynamic aber auch begeisterte Fürsprecher, so fuhr Léon Blum, der französische Präsident einen Dynamic, oder auch der bekannte Fachjournalist und Ingenieur Charles Faroux.
In den 30er Jahren wurde überall intensiv an der Entwicklung einer strömungsgünstigen Form gearbeitet. Man denke nur an den Cord 810 oder den Tatra 77. Doch der Dynamic mit seiner selbsttragenden Karosserie, seinen strömungsgünstigen Eigenschaften und derart vielen technischen Innovationen nahm die Zukunft vorweg.
Fotos & Text: Marina Block
Technische Daten
Motor: Reihensechszylindermotor, Hülsenschieber statt Ventile (Knight-Prinzip)
Hubraum: 2516 ccm
Leistung: 75 PS bei 3800 U/min
Verdichtung: 6,5:1
Höchstgeschwindigkeit: ca. 130 km/h
Radaufhängung vorn: Querlenker, Torsionstäbe,
Radaufhängung hinten: Starrachse, Torsionstäbe, Panhardstab
Bremsen: hydraulische Zweikreis-Servo-Vierradbremsen
Karosserie: selbsttragend mit Hilfsrahmen für Motor
Radstand: 2600 mm
Länge: 4,75 m
Breite: 1,90 m
Spur: 1,42 m
Gewicht: 1600 kg
Bauzeit: 1936-1939