unbekannter Hersteller - Korbkinderwagen (1935)


Kinderwagen mit Anleihen aus dem Automobildesign gab es schon in den 30er Jahren. Richtig ausgeprägt wurde die Orientierung am Autodesign aber erst nach dem zweiten Weltkrieg

Die ersten Anzeichen, dass man sich in Details beim Kinderwagenbau vom Automobilbau inspirieren ließ, gab es bereits Mitte der 30er Jahre, als die ersten Kinderwagen mit Stoßstangen und Scheibenrädern auf kamen. Noch waren es einfache Ausführungen ohne Kotflügel und ohne verchromte Zierelemente. Auffällig am abgebildeten Exemplar eines unbekannten Herstellers mit hochwertigem Korbaufbau waren die aufwändig gelochten Scheibenräder. Die Metallscheiben waren mit sechs halbmondförmigen Lochungen versehen und das Metall besaß eine erhaben gestanzte Ornamentik in Sternform. Interessant ist der Schriftzug „erla“ auf der Radkappe. Es gab damals ein Eisen,- und Flugzeugwerk Erla in Erla bei Schwarzenberg im sächsischen Erzgebirge, in dem 1933 eigentlich in Zusammenarbeit mit DKW ein Kleinflugzeug mit Zweitaktmotor, die DKW Erla ME 5a gebaut werden sollte. Dazu kam es nicht. Ein Jahr später wurde die Firma in Erla Maschinenwerke umbenannt und ein Werk in Leipzig eröffnet. Das Reichsluftfahrtministerium wies die Werke ab 1935 an, in Lizenz andere Flugzeuge (Arado, Heinkel, Gotha) für den Kriegseinsatz zu bauen. Außerdem wurden auch Flugzeugteile produziert und möglicherweise baute man vor dem Krieg auch einige Metallprodukte für den zivilen Bereich. Später entstanden bei Erla bis 1945 gut eindrittel aller Jagdflugzeuge des Typs Messerschmitt BF 109.

Der serienmäßige Bau von Kinderwagen begann erst mit dem Zeitalter der Industrialisierung

Ziehwägelchen mit Korbaufbau aus dichtem Korbgeflecht und Holz waren bereits im 16. und 17. Jahrhundert bekannt, wenn auch äußerst selten, denn die meisten Menschen waren arm und transportierten ihre Kleinkinder in Tüchern oder, wenn schon auf Rädern, dann im Schubkarren. Speziell für den Transport von Kleinkindern entwickelte, aber doch relativ einfach konstruierte Wagen wurden in dieser Zeit gelegentlich von sehr wohlhabenden Bürgern in Auftrag gegeben und entstanden nur in raren Einzelanfertigungen. Aufwändigere Konstruktionen, die vom Kutschenbau inspiriert waren, gab es häufiger in Adelskreisen. Ein echter Durchbruch im Kinderwagenbau fand aber erst Mitte des 19. Jahrhunderts statt, als Charles Burton in London die erste Kinderwagenfabrik baute. Allerdings stellte er damals dreirädrige Wagen her, die er Perambulatoren nannte und in denen die Kleinkinder, ähnlich wie heute in den dreirädrigen Sportwagen, in Fahrtrichtung saßen. Für Babys waren diese Fahrzeuge nicht konstruiert. Mit vierrädrigen Gefährten, die für Babys geeignet waren, kam als erster der Zeitzer Stellmacher Ernst Albert Naether heraus. Kinderwagen mit kleinen Rädern und langen Schubvorrichtungen gab es ab den späten 20er Jahren des 20. Jahrhunderts. Gebaut wurden sie bis in die späten 50er Jahre hinein, wobei man sich vor allem in den 50er Jahren stark am Automobildesign orientierte und die Kinderwagen zudem auch technisch weiter entwickelte und ihnen bequeme Federungssysteme gönnte. Anfangs waren die Sitz-oder Liegeflächen der Kinderwagen meist aus Weidengeflecht. Später ergänzten Holz und in den 20er Jahren Blech- und Aluminiumkästen das Angebot. Nach dem 2. Weltkrieg fuhren die Kleinen auf Riemen- und Rohrfedergestellen und mit Ballonbereifung schon recht komfortabel. Für die Sicherheit sorgten Bremsketten oder Radklammern. In den 50er Jahren kam dann die einfacher zu bedienende Feststellbremse auf.

Der Kinderwagenbau siedelte sich gerne in traditionellen Korbmacher-Gebieten oder Gegenden an, in denen es schon lange holzverarbeitende Betriebe gab

In Deutschland waren es vor allem die Städte Zeitz in Sachsen, Rothenburg ob der Tauber und Coburg in Süddeutschland, in denen sich die Kinderwagenindustrie konzentrierte. Aber auch in Norddeutschland gab es viele Hersteller, wenn auch nicht in regional derart konzentrierter Form, so etwa im westfälischen Schwelm oder auch in Brandenburg, wo Brennabor sehr früh Kinderwagen und dann bald auch Autos fertigte. Einige der frühen Hersteller kamen ursprünglich aus der Möbelproduktion, andere gingen aus Reetgrasverwertern und Korbflechtern hervor und auch viele Stellmacher verlegten sich auf den Kinderwagenbau.

Fotos & Text: Marina Block

Bilder

Informationen:

Markeunbekannter Hersteller
ModelKorbkinderwagen
Baujahr1935

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