unbekannter Hersteller - Stubenwagen (19./20. Jhdt.)

Auch der Stubenwagen für Säuglinge, von dem kurz darauf der draußen zu verwendende Kinderwagen abgeleitet wurde oder der vielleicht sogar parallel zu ihm entstand, war in seiner weiten Verbreitung ein Phänomen des 19. Jahrhunderts. Der Stubenwagen bestand zumeist aus einem Weidenkorb, der auf ein Holzgestell mit Rädern oder Rollen aufgebaut war

In den Jahrhunderten zuvor wurden die Kleinsten, wenn sie überhaupt einen speziellen Platz bekamen, im Haus in eine Wiege mit Kufen oder in einen Weidenkorb gebettet. Wiegen, die es in verschiedenen Formen im Prinzip schon seit der Antike gab, stellten schon einen gewissen Luxus dar, weil sie aufwändiger und stabiler gebaut waren als einfache Körbe. Zumeist bestanden die Wiegen aus Holz, da sie durch die Schaukelbewegung mechanisch beansprucht wurden und Holz eben haltbarer war als Weidengeflecht. Dennoch gab es auch Wiegen aus diesem Material. In der Frühzeit hatten Wiegen auch noch eine etwas andere Funktion als später. Schließlich waren Stoffwindeln oder Stofflappen gar nicht oder nicht immer so einfach verfügbar, so dass manche Wiegen mit Abfluss,- und Drainagevorrichtungen versehen waren, um den Urin abzutransportieren.

Parallel zum technischen Fortschritt ging auch die Entwicklung der Medizin einher und man begann sich mehr Gedanken um die Gesundheit der Bevölkerung zu machen. So kam um 1800 eine von Medizinern ausgelöste Debatte auf, ob das Schaukeln der Babys wirklich gesund sei. Außerdem wurde mittlerweile Licht und Luft ein anderer Stellenwert beigemessen als zuvor

Die Wiege verlor damals zumindest in der wohlhabenden Gesellschaft das Duell gegen den Stubenwagen, der weit flexibler war und auch leichter ins Licht oder an die Luft geschoben werden konnte. Man hatte erkannte, dass sich Säuglinge an frischer Luft besser entwickelten und seltener die gefürchteten Krankheiten Rachitis oder Tuberkulose bekamen, an denen damals enorm viele Babys und Kleinkinder starben. So kam beim Adel und im wohlsituierten Bürgertum der Stubenwagen für die Wohnung und der Kinderwagen zum Spazieren fahren in Mode. Diese Entwicklung hatte einen messbaren Effekt auf die Gesundheit der Kinder.

Der serienmäßige Bau von Stubenwagen und Kinderwagen begann erst mit dem Zeitalter der Industrialisierung

Natürlich kamen Menschen seit der Erfindung des Rads und der Kutsche immer mal wieder auf die Idee kutschenähnliche Ziehwägelchen mit Korb,- oder Holzaufbau und auch Stubenwagen mit kleinen Rädern zu bauen oder bauen zu lassen. Fast immer handelte es sich um Adelige, die derartiges nach ihren Vorstellungen in Auftrag gaben, wie etwa der Duke of Devonshire im frühen 18. Jahrhundert, in dessen Nachlass sich sowohl ein Stubenwagen als auch ein Ziewägelchen für Kleinkinder befand. Auch im reichen Bürgertum der Städte tat sich diesbezüglich hin und wieder etwas. Üblich aber war das alles nicht. Vielmehr handelte es sich immer um Einzelanfertigungen. Als aber die neuen Erkenntnisse in der Medizin und der technische Fortschritt einen größeren Bedarf entstehen ließen und findige Konstrukteure und Geschäftsleute die Idee aufnahmen, stand einer größeren Verbreitung nichts mehr im Wege.

Ein echter Durchbruch im Stuben,- und Kinderwagenbau fand dann Mitte des 19. Jahrhunderts statt, als Charles Burton in London die erste Kinderwagenfabrik baute, die natürlich auch den Stubenwagen im Programm hatte. Von da an brach ein regelrechter Boom im Bau dieser Gefährte aus und so ziemlich in allen sich „industrialisierenden“ Ländern gab es bald Kinderwagenfabriken wie in England. Eine Folge der Massenproduktion war, dass dank moderaterer Preise sich immer mehr Familien Stuben,- und Kinderwagen leisten konnten.

Fotos & Text: Marina Block

Bilder

Informationen:

Markeunbekannter Hersteller
ModelStubenwagen
Baujahr19./20. Jhdt.

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