unbekannter Hersteller - Korbkinderwagen

Der serienmäßige Bau von Kinderwagen begann erst mit dem Zeitalter der Industrialisierung

Ziehwägelchen mit Korbaufbau aus dichtem Korbgeflecht und Holz waren bereits im 16. und 17. Jahrhundert bekannt, wenn auch äußerst selten, denn die meisten Menschen waren arm und transportierten ihre Kleinkinder in Tüchern oder, wenn schon auf Rädern, dann im Schubkarren. Speziell für den Transport von Kleinkindern entwickelte, aber doch relativ einfach konstruierte Wagen waren zu dieser Zeit dem wohlhabenden Bürgertum vorbehalten und entstanden nur in raren Einzelanfertigungen. Weit aufwändigere Konstruktionen, die vom Kutschenbau inspiriert waren und mit viel Metall und dekorativen Korbverzierungen auskamen, gab es häufiger in Adelskreisen des 18. Jahrhunderts. Ein echter Durchbruch im Kinderwagenbau fand aber erst Mitte des 19. Jahrhunderts statt, als Charles Burton in London die erste Kinderwagenfabrik baute. Allerdings stellte er damals dreirädrige Wagen her, die er Perambulatoren nannte und in denen die Kleinkinder, ähnlich wie heute in den dreirädrigen Sportwagen, in Fahrtrichtung saßen. Für Babys waren diese Fahrzeuge nicht konstruiert. Mit vierrädrigen Gefährten, die für Babys geeignet waren, kam als erster der Zeitzer Stellmacher Ernst Albert Naether heraus. Kinderwagen mit kleinen Rädern und langen Schubvorrichtungen gab es ab den späten 20er Jahren des 20. Jahrhunderts. Gebaut wurden sie bis in die späten 50er Jahre hinein, wobei man sich vor allem in den 50er Jahren stark am Automobildesign orientierte und die Kinderwagen zudem auch technisch weiter entwickelte und ihnen bequeme Federungssysteme gönnte. Anfangs waren die Sitz-oder Liegeflächen der Kinderwagen meist aus Weidengeflecht. Später ergänzten Holz und in den 20er Jahren Blech- und Aluminiumkästen das Angebot. Nach dem 2. Weltkrieg fuhren die Kleinen auf Riemen- und Rohrfedergestellen und mit Ballonbereifung schon recht komfortabel. Für die Sicherheit sorgten Bremsketten oder Radklammern. In den 50er Jahren kam dann die einfacher zu bedienende Feststellbremse auf.

Der Kinderwagenbau siedelte sich gerne in traditionellen Korbmacher-Gebieten oder Gegenden an, in denen es schon lange holzverarbeitende Betriebe gab

In Deutschland waren es vor allem die Städte Zeitz in Sachsen, Rothenburg ob der Tauber und Coburg in Süddeutschland, in denen sich die Kinderwagenindustrie konzentrierte. In Zeitz kam es bereits im 19. Jahrhundert, inspiriert von der englischen Kinderwagenindustrie, zu einem regelrechten Boom an Kinderwagenproduzenten. Bereits 1875 existierten dort 13 Hersteller. Die Stadt in Sachsen-Anhalt entwickelte sich zu einer regelrechten Hochburg an Kinderwagenbauern und belieferte bald Kunden auch über die Grenzen hinaus. Naether, der erste und größte Kinderwagenproduzent dieser Region, bot 1896 in seinem Katalog schon gut 100 verschiedene Modelle an. Ein weiterer früher Standort der Kinderwagenindustrie mit Herstellern wie Bavaria, Hasa und etlichen anderen war Rothenburg ob der Tauber oder auch das Coburger Land mit Herstellern wie Hauck, Gesslein oder Hartan. Aber auch in Norddeutschland gab es viele Hersteller, wenn auch nicht in regional derart konzentrierter Form. Eine recht erfolgreiche Firma war etwa Hecker aus dem westfälischen Schwelm, die ihre Korbaufbauten von oberfränkischen Korbmachern bezogen, ein anderer sehr früher Hersteller war Brennabor aus Brandenburg, der bald auch Autos baute. Einige der frühen Hersteller kamen ursprünglich aus der Möbelproduktion, andere gingen aus Reetgrasverwertern und Korbflechtern hervor und auch viele Stellmacher verlegten sich auf den Kinderwagenbau.

Kinderwagen, deren Wagenkörper aus einem Korbgeflecht bestanden, waren bis in die späten 50er Jahre en vogue. Die späteren Ausführungen bestanden oft bereits aus einem Kunststoffgeflecht

Das abgebildete Exemplar eines unbekannten Herstellers von etwa 1955, das von der Formgebung allerdings viel Ähnlichkeit mit Modellen der Marke Hecker aus Schwelm in Westfalen hat, besaß ein zeittypisches Design mit vielen vom Automobilbau inspirierten Elementen. So erinnerte nicht nur die Pontonform des Aufbaus mit den halbverkleideten Rädern an das Automobildesign, sondern auch die angebaute Stoßstange, die Radkappen und die metallenen Zierelemente am Wagenkörper verwiesen auf den deutlichen Bezug zum Automobil. An praktische Dinge hatte man bei diesem Modell ebenfalls gedacht und es nicht nur mit einem in den Wagenkörper integrierten Handschuhfach für kleine Accessoires ausgestattet, sondern auch mit einem Aufbau, der sich auseinander nehmen und zu einem Sportwagen umbauen ließ.

Fotos & Text: Marina Block

Bilder

Informationen:

Markeunbekannter Hersteller
ModelKorbkinderwagen
Baujahrca. 1955

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