Die belgische Kinderwagen und Holzwaren-Fabrik aus Deinze am Fluß Leie, die ab 1927 SA Les Usines Torck hieß und bis 1971 existierte, hatte ein breites Sortiment zu bieten
So wurden bald nicht nur Kinderwagen und Puppenwagen gebaut, sondern auch Liegestühle, Gartenmöbel, Holzspielzeug, Kinderstühle, Laufställe, Kinderdreiräder, Schaukelpferde, Schreibpulte, Nähkästen und andere Holzartikel. Auch Fahrräder und in den 50er und 60er Jahren Tretautos aus Metall zählten zum reichhaltigen Sortiment.
Deinze lag in einem traditionellen Zentrum der belgischen Spielwarenindustrie und Torck zählte zu den frühen Kinderwagenherstellern
Bereits ab 1887 baute man bei der Firma, die von Leon Van Heuverswyn und Eugene Hebbelinck gegründet wurde, 1908 an Victor Kluyskens und 1911 an Paul Hautekeete und Emil Torck ging, qualitativ hochwertige Kinderwagen.
Torck verkaufte Kinderwagen und andere Artikel schon früh weltweit. Viele Produkte der erfolgreichen Firma, die in Deinze einst über 1000 Mitarbeiter beschäftigte, gingen auch nach Deutschland. Mit wachsendem geschäftlichem Erfolg wurden schließlich auch Montagebetriebe in Rotterdam und in Köln, mit ebenfalls 500 Mitarbeitern, eröffnet. In den 60er Jahren begannen die Geschäfte dann schlechter zu laufen. Die Gründe dafür suchte man in der starken, deutschen Konkurrenz und in dem Aufkommen neuer Materialien, auf die man sich zu spät eingestellt hatte. Das führte 1971 zum Konkurs und zum Verkauf des Geländes in Deinze an den Spielwagengroßhandel Beeusaert.
Die große Verbreitung des Kinderwagens war letztendlich der Industrialisierung zu verdanken
Vor dem Zeitalter der Industrialisierung transportierte die breite Masse der Bevölkerung ihre Babies und ihre Kleinkinder entweder in Tragetüchern oder in Schubkarren (kamen etwa ab dem Jahr 1200 auf). Erste kutchenähnliche Gebilde oder auch Holzwägelchen zum Ziehen gab es dann zwar schon in der Frühen Neuzeit, doch waren das für den Adel oder für einige reiche Bürger angefertigte Einzelstücke. Die erste Fabrik zur Herstellung von Kinderwagen entstand erst in den 1840er Jahren in England, wo Charles Burton seine anfangs dreirädrigen „Perambulatoren“ in Menge herstellte. Geeignet waren diese Kinderwagen allerdings nur für Kleinkinder, die schon sitzen konnten, aber nicht für liegende Babies. Die ersten zu schiebenden Kinderwagen für Babies baute der Stellmacher Ernst Albert Naether in Zeitz. Hier entstand bald ein blühendes Zentrum der Kinderwagenproduktion mit einer großen Anzahl an Kinderwagen-Herstellern. Ein weiteres Zentrum dieser Branche entwickelte sich in Deutschland im Mittel,- und Oberfränkischen, zu denen die Städte Rothenburg ob der Tauber oder auch Redwitz zählten. Wichtig für die Kinderwagenhersteller waren in den 20er, 30er und 40er Jahren auch die Korbproduzenten, denn sie fungierten meist als Zulieferer für diesen Industriezweig.
Wie fast alle Kinderwagenproduzenten bot auch Torck Sportversionen an
Der abgebildete, niedrige gebaute Sportwagen aus den späten 30er Jahren besaß bereits eine vom Automobildesign inspirierte Formgebung mit ausgeprägten und großvolumigen Kotflügeln für die kleinen, mit dicken Reifen und chicen Radkappen samt Schriftzug bestückten Räder. Die knapp bemessenen Seitenflächen in schwungvoll ausgeführtem Design bestanden aus Holz und erinnerten an schlichte Blütenblätter. Die Sitzumrandung war mit einem relingartigen Haltegriff versehen. Bei Sportkinderwagen wurde bereits zu dieser Zeit ein immer größerer Wert auf eine leichte und praktische Bauweise gelegt. So besaß der abgebildete Wagen eine verstellbare Fußstütze und eine in mehreren Stufen verstellbare Rückenlehne. Das schlichte Design mit Stahlrohr und Holz war inspiriert von dem damaligen Bauhaus-Möbeldesign der Mauser-Werke, die ab 1930 den Mauser Freischwinger-Stahlrohrstuhl produzierten.
Fotos & Text: Marina Block