unbekannter Hersteller - Kinderwagen Art Deco


Kinderwagen wurden natürlich in allen frühen Industriestaaten der Welt gebaut. England war bezüglich der industriellen Fertigung von Kinderwagen der Vorreiter, Deutschland und andere europäische Staaten folgten recht bald und auch in Nordamerika wurden im 19. Jahrhundert nicht nur europäische Kinderwagen importiert, sondern auch selbst gebaut. Aber egal wo sie entstanden, der Zeitgeist und der jeweilige Kunstgeschmack hatten immer einen großen Einfluss auf das Kinderwagendesign, ähnlich wie es auch im Automobildesign war. So inspirierte um 1900 der Jugendstil und ab 1925 bis in die frühen 30er Jahre hinein das Art Deco die Gestaltung des Kinderwagens. In den 50er Jahren sollte dann das Automobil die Aufgabe des Impulsgebers übernehmen

Das Art Deco war eine Stilrichtung, die das industrielle Design zwischen 1925 und den 30er Jahren prägte. Der moderne oder auch Französische Stil, der damals im Industriedesign und den dekorativen Künsten aufkam, war zum einen vom Umgang mit neuen Materialien gekennzeichnet. Klare Formen, reine Oberflächen und abstrahierendes Dekor stellten wesentliche Elemente des neuen industriellen Designs dar. Am abgebildeten Kinderwagen wird dies zum einen an der gerade verlaufenden und klaren Linienführung des Wagenkörpers aus Metall und zum anderen am Seitendekor mit den stilisierten Zwillingen deutlich.

Kinderwagen waren in ihrer Frühzeit nur etwas für sehr reiche Leute. Erst im Laufe der industriellen Revolution und der schließlich massenweise gefertigten Kinderwagen verloren sie allmählich den Status, lediglich ein Luxusprodukt für die High Society zu sein

Ziehwägelchen mit Korbaufbau aus dichtem Korbgeflecht und Holz waren bereits im 16. und 17. Jahrhundert bekannt, wenn auch äußerst selten, denn die meisten Menschen waren arm und transportierten ihre Kleinkinder in Tüchern oder, wenn schon auf Rädern, dann im Schubkarren. Speziell für den Transport von Kleinkindern entwickelte, aber doch relativ einfach konstruierte Wagen entstanden nur in raren Einzelanfertigungen in Auftrag sehr wohlhabender Bürger. Weit aufwändigere Konstruktionen, die vom Kutschenbau inspiriert waren und mit viel Metall und dekorativen Korbverzierungen auskamen, gab es häufiger in Adelskreisen des 18. Jahrhunderts. Ein echter Durchbruch im Kinderwagenbau fand in Europa aber erst Mitte des 19. Jahrhunderts statt, als Charles Burton in London die erste Kinderwagenfabrik baute. Allerdings stellte er damals dreirädrige Wagen her, die er Perambulatoren nannte und in denen die Kleinkinder, ähnlich wie heute in den dreirädrigen Sportwagen, in Fahrtrichtung saßen. Für Babys waren diese Fahrzeuge nicht konstruiert. Mit vierrädrigen Gefährten, die für Babys geeignet waren, über einen Korb mit Verdeck verfügten und anfangs zum Ziehen aber bald auch zum Schieben waren, kam im 19. Jahrhundert als erster der Zeitzer Stellmacher Ernst Albert Naether heraus. In den folgenden Jahrzehnten wurde der Kinderwagen stetig weiter entwickelt. In den 50er Jahren inspirierte das Automobildesign den Kinderwagenbau in verstärktem Maße und bescherte ihm viele automobile Gestaltungselemente, wie Stoßstangen, Kotflügel oder Chromzierat. Die nächste, echte Revolution brachte dann in den 60er Jahren der leichte und faltbare Buggy des Flugzeugingenieurs Owen McLaren.

Fotos & Text: Marina Block

Bilder

Informationen:

Markeunbekannter Hersteller
ModelKinderwagen Art Deco
Baujahrum 1930

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