Seitdem Kinderwagen industriell gefertigt wurden, boten die Hersteller auch Miniaturausgaben ihrer großen Modelle als Puppenwagen an. Eine wirklich große Verbreitung des Puppenwagens erfolgte aber erst nach dem zweiten Weltkrieg, als sich mehr Menschen so ein Spielzeug für ihre Kinder leisten konnten
Kinderwagen wurden in größerer Menge ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hergestellt. Im Zeitalter der Industrialisierung, zu einer Zeit, als sich auch die medizinischen Erkenntnisse weiter entwickelten und man erkannte, dass für die Gesundheit der Babys und Kleinkinder ein Aufenthalt an der frischen Luft wichtig war, wurde der Kinderwagen für größere Bevölkerungsschichten produziert. Einerseits hatte ein sich veränderndes Leben durch die höhere Mobilität dank Eisenbahn, Automobil und Zweirad, die Existenz von öffentlichen Parkanlagen und immer mehr gepflasterten Straßen im städtischen Bereich neben den technischen Möglichkeiten zu einer Verbreitung geführt. Zum anderen trieben aber auch Fortschritte in der Medizin die Entwicklung an und man versuchte so der hohen Säuglingssterblichkeit durch Rachitis und Tuberkulose entgegen zu wirken.
Die große Verbreitung des Kinderwagens war letztendlich der Industrialisierung zu verdanken
Vor dem Zeitalter der Industrialisierung transportierte die breite Masse der Bevölkerung ihre Babies und ihre Kleinkinder entweder in Tragetüchern oder in Schubkarren (der Schubkarren verbreitete sich etwa ab dem Jahr 1200). Erste kutchenähnliche Gebilde oder auch Holzwägelchen zum Ziehen gab es dann zwar schon in der Frühen Neuzeit, doch waren das für den Adel oder für einige reiche Bürger angefertigte Einzelstücke. Die erste Fabrik zur Herstellung von Kinderwagen entstand erst in den 1840er Jahren in England, wo Charles Burton seine anfangs dreirädrigen „Perambulatoren“ in Menge herstellte. Geeignet waren diese Kinderwagen allerdings nur für Kleinkinder, die schon sitzen konnten, aber nicht für liegende Babies. Die ersten zu schiebenden Kinderwagen für Babies baute der Stellmacher Ernst Albert Naether in Zeitz, wo es bald eine große Anzahl an Kinderwagen-Herstellern gab.
Das kleine Pendant des Kinderwagens als Spielzeug für Mädchen wurde zwar auch schon früh angeboten, allerdings erst im 20.Jahrhundert in größerer Menge
Bereits der Stubenwagen, der aus der Wiege entwickelt wurde, und der weit älter war als der draußen bewegte Kinderwagen, wurde auch als Puppenwagen gebaut. Allerdings gab es damals keine großen Stückzahlen und die Fertigung erfolgte eher handwerklich und in Einzelstücken. Ab den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts, als sich langsam aber sicher viele Menschen Spielzeug für ihre Kinder leisten konnten, entwickelte sich ein regelrechter Boom an Puppenwagenangeboten. Nicht nur reine Spielwarenhersteller, auch so ziemlich jeder Hersteller von Kinderwagen baute seine Produkte im Kleinformat auch als Puppenwagen. Dabei versuchten die meisten Hersteller sehr nah am Original zu bauen, wahrscheinlich weil ihre kleine Klientel entschieden Wert darauf legte.
Fotos & Text: Marina Block