So wie es in Deutschland mehrere Zentren des Kinderwagenbaus gab, konzentrierte sich auch bei unseren Nachbarn in den Niederlanden die Kinderwagenindustrie gerne auf bestimmte Regionen, was natürlich nicht ausschloss, dass auch in anderen Städten Kinderwagen produziert wurden
Hierzulande waren es vor allem die Städte Zeitz in Sachsen, Rothenburg ob der Tauber und Coburg in Süddeutschland, in deren Bereichen sich die Kinderwagenindustrie verstärkt ansiedelte. In Zeitz kam es bereits im 19. Jahrhundert, inspiriert von der englischen Kinderwagenindustrie, zu einem regelrechten Boom an Kinderwagenproduzenten. Bereits 1875 existierten dort 13 Hersteller. Die Stadt in Sachsen-Anhalt entwickelte sich zu einer regelrechten Hochburg an Kinderwagenbauern und belieferte bald Kunden auch über die Grenzen hinaus. Naether, der erste und größte Kinderwagenproduzent dieser Region, bot 1896 in seinem Katalog schon gut 100 verschiedene Modelle an. Ein weiterer früher Standort der Kinderwagenindustrie mit Herstellern wie Bavaria, Hasa und etlichen anderen war Rothenburg ob der Tauber oder auch das Coburger Land mit Herstellern wie Hauck, Gesslein oder Hartan.
In den Niederlanden fanden sich viele Hersteller in der Gegend um Tilburg und in Gorredijk (Friesland). In Tilburg beheimatet war mit Van Delft nicht nur die älteste Kinderwagenfabrik des Landes, die seit 1870 existierte, aus einem Wagenbauerbetrieb hervorging und auch das Königshaus belieferte, sondern auch frühe Hersteller wie Mutsaerts. In Gorredijk gab es seit 1906 die Firma Jonkers und den Hersteller Riemersma.
Auch in den Niederlanden gab es viele Kinderwagenproduzenten
Neben Van Delft und Jonkers gehörten auch Van Werven (hervorgegangen aus einer Schmiede), Riemersma, Koelstra, Mekiwa oder Mutsaerts zu den frühen Produzenten. Einige von Ihnen kamen ursprünglich aus der Möbelproduktion, andere wie Jonkers gingen aus Reetgrasverwertern und Korbflechtern hervor und auch ursprüngliche Stellmacher verlegten sich auf den Kinderwagenbau.
Der serienmäßige Bau von Kinderwagen begann erst mit dem Zeitalter der Industrialisierung
Ziehwägelchen mit Korbaufbau aus dichtem Korbgeflecht und Holz waren bereits im 16. und 17. Jahrhundert bekannt, wenn auch äußerst selten, denn die meisten Menschen waren arm und transportierten ihre Kleinkinder in Tüchern oder, wenn schon auf Rädern, dann im Schubkarren. Speziell für den Transport von Kleinkindern entwickelte, aber doch relativ einfach konstruierte Wagen waren zu dieser Zeit dem wohlhabenden Bürgertum vorbehalten und entstanden nur in raren Einzelanfertigungen. Weit aufwändigere Konstruktionen, die vom Kutschenbau inspiriert waren und mit viel Metall und dekorativen Korbverzierungen auskamen, gab es häufiger in Adelskreisen des 18. Jahrhunderts. Ein echter Durchbruch im Kinderwagenbau fand aber erst Mitte des 19. Jahrhunderts statt, als Charles Burton in London die erste Kinderwagenfabrik baute. Allerdings stellte er damals dreirädrige Wagen her, die er Perambulatoren nannte und in denen die Kleinkinder, ähnlich wie heute in den dreirädrigen Sportwagen, in Fahrtrichtung saßen. Für Babys waren diese Fahrzeuge nicht konstruiert. Mit vierrädrigen Gefährten, die für Babys geeignet waren, über einen Korb mit Verdeck verfügten und anfangs zum Ziehen aber bald auch zum Schieben waren, kam als erster der Zeitzer Stellmacher Ernst Albert Naether heraus. Kinderwagen mit kleinen Rädern und langen Schubvorrichtungen gab es ab den späten 20er Jahren des 20. Jahrhunderts. Gebaut wurden sie bis in die späten 50er Jahre hinein, wobei man sich ab den 30ern aber vor allem in den 40er und 50er Jahren immer stärker am Automobildesign orientierte und die Kinderwagen zudem auch technisch weiter entwickelte und ihnen bequeme Federungssysteme gönnte. Anfangs waren die Sitz-oder Liegeflächen der Kinderwagen meist aus Weidengeflecht. Später lösten Holz und in den 20er Jahren Blech- und Aluminiumkästen den Weidenkorb ab. Nach dem 2. Weltkrieg fuhren die Kleinen auf Riemen- und Rohrfedergestellen und mit Ballonbereifung schon recht komfortabel. Für die Sicherheit sorgten Bremsketten oder Radklammern. In den 50er Jahren kam dann die einfacher zu bedienende Feststellbremse auf.
Kinderwagen, die in der Zeit des zweiten Weltkriegs entstanden, waren auf Grund der Materialknappheit oft nahezu komplett aus Holz oder Korbgeflecht gestaltet
So war der abgebildete Kinderwagen von 1940 bis auf das Fahrgestell komplett aus Holz gefertigt. Sogar das verstellbare Verdeck bestand aus Holz. Ausgestattet war er mit einem Fach für einen heißen Stein, um das Baby warm zu halten. Der Hersteller dieses Wagens ist unbekannt, doch die geschwungene und recht elegante Formgebung des Wagenkörpers erinnert vom Stil her ein wenig an Kinderwagen des niederländischen Produzenten Jonkers, der von 1906 bis 1963 ansprechend gestaltete Kinderwagen herstellte.
Fotos & Text: Marina Block