Einer der ersten deutschen Kinderwagenproduzenten war Ernst Albert Naether aus Zeitz in Sachsen-Anhalt, der sein Unternehmen 1846 gründete. In Zeitz kam es daraufhin, inspiriert von der englischen Kinderwagenindustrie, zu einem regelrechten Boom an Kinderwagenproduzenten. 1875 machten schon 13 Zeitzer Hersteller von sich Reden
Die Stadt entwickelte sich zu einer regelrechten Hochburg an Kinderwagenbauern, die bald Kunden auch über die Grenzen hinaus belieferten. Der größte Kinderwagenproduzent, die Firma Naether bot bereits 1896 gut 100 verschiedene Kinderwagen-Modelle in einem Musterbuch an. Im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert entstand 1840 die erste Kinderwagen-Fabrik in England. Charles Burton baute als erster in großem Stile Kinderwagen, die allerdings nicht für Babys, sondern für sitzende Kleinkinder ausgelegt waren. Diese „Perambulator“ genannten Gefährte zum schieben besaßen drei Räder, wie die heutigen Sportwagen. Kinderwagen mit Liegefläche wurden erst etwas später angeboten. Mit vierrädrigen Gefährten, die für Babys geeignet waren, über einen Korb mit Verdeck verfügten und anfangs zum ziehen aber bald auch zum schieben waren, kam als erster der Zeitzer Stellmacher Ernst Albert Naether heraus. Kinderwagen mit kleinen Rädern und langen Schubvorrichtungen gab es ab den späten 20er Jahren des 20. Jahrhunderts. Gebaut wurden sie bis in die späten 50er Jahre hinein, wobei man sich ab der 30er aber vor allem in den 40er und 50er Jahren immer stärker am Automobildesign orientierte und die Kinderwagen zudem auch technisch weiter entwickelte und ihnen bequeme Federungssysteme gönnte. Anfangs waren die Sitz-oder Liegeflächen der Kinderwagen meist aus Weidengeflecht. Später lösten Holz und in den 20er Jahren Blech- und Aluminiumkästen den Weidenkorb ab. Nach dem 2. Weltkrieg fuhren die Kleinen auf Riemen- und Rohrfedergestellen und mit Ballonbereifung schon recht komfortabel. Zur Sicherheitsausstattung gehörten lange Zeit Bremsketten oder Radklammern. In den 50er Jahren setzte sich dann die einfacher zu bedienende Feststellbremse durch.
Nach dem zweiten Weltkrieg entstand unter der Regie des neuen Regimes in der ehemaligen Zeitzer Naether-Fabrik die VEB Zekiwa (Volkseigener Betrieb Zeitzer Kinderwagenindustrie) als Zusammenschluss der früher eigenständigen Zeitzer Hersteller
Zekiwa-Kinderwagen wurden in den kompletten RGW-Raum (alle sozialistische Staaten) und auch nach Westdeutschland (Neckermann vertrieb die Kinderwagen ohne Firmenlogo) sowie andere europäische Länder exportiert und avancierten zu einem wichtigen Devisenbringer der DDR. Die VEB Zekiwa entwickelte sich sogar zum zeitweise größten Kinderwagenhersteller Europas, der in seinen besten Zeiten jährlich 450000 Kinderwagen und 150000 Puppenwagen fertigte. Der Betrieb existierte bis 1998 und wurde dann abgewickelt.
Niedrige Sportkinderwagen für Kleinkinder waren in den 50er Jahren sehr gefragt und wurden von fast allen Kinderwagenherstellern angeboten
Der Sportwagen von Zekiwa besaß wie die meisten Kinderwagen in den 50er Jahren eine vom Automobildesign inspirierte Formgebung mit geschwungener und etwas barocker Linienführung. Auch Stoßstangen, eine chice Zweifarbenlackierung und Scheibenräder wurden in Anlehnung an den Automobilbau verwendet. Der Wagenkörper bestand aus gepresster und lackierter Pappe, Holz und Kunststoff.
Fotos & Text: Marina Block