Als die frontgetriebene, viertürige Limousine DS (Déesse=Göttin) von Citroen, die mit einer hydropneumatischen Federung samt Niveauregulierung ausgestattet war, 1955 als Nachfolgerin des Traction Avant auf dem Pariser Automobilsalon vorgestellt wurde, schlug sie nicht nur ein wie eine Bombe, sondern revolutionierte die Automobilgeschichte mit ihrem futuristischen Design und ihrer innovativen Technik. Sie stellte die Verkörperung einer aerodynamischen, stylistischen und technischen Meisterleistung dar und war der Inbegriff automobiler Avantgarde, einer Avantgarde, die ihren Platz zwanzig Jahre verteidigen sollte. So wies sie gut 100 bahnbrechende Neuerungen auf, die bis heute ihre Geltung haben
Citroen zeigte damals mit der DS allen anderen Autoherstellern, wohin die Reise ging. Sie war das erste Serienauto mit Scheibenbremsen und Bremskraftregulierung für die Hinterräder. Sicherheit war ein wichtiger Aspekt ihrer Konstruktion. So wurde der Tank aus der gefährdeten Position unter dem Kofferraum nach vorn verlegt. Das führte auch zu einem sehr gut nutzbaren, da nun quaderförmigen Kofferraum. Ferner besaß die DS vorn und hinten Knautschzonen. Erstmalig fand bei ihr ein Lenkrollradius Anwendung, so dass sich die Straßeneinflüsse nicht auf die Lenkung auswirkten. Ebenfalls zum ersten Mal wurde bei ihr Kunststoff zur konsequenten Geräuschdämmung und Abpolsterung verwendet. Der komplette Innenraum und auch der Motorraum war mit Schaumstoff abgepolstert. Die meisten lackierten Teile ließen sich einfach auseinander bauen. Es gab erstmals rahmenlose Seitenscheiben. Front,- und Heckscheibe waren nur angeschraubt und ließen sich schnell herausnehmen. Auch das Dach war leicht montierbar. Reifen konnte man ohne Wagenheber wechseln. Die Bodenfreiheit war einstellbar. Die Bremskraftregelung erfolgte nur über Druck und nicht durch den Weg. Auch Gürtelreifen wurden zum ersten Mal serienmäßig eingesetzt. Ihre aerodynamische Formgebung, ihre hydropneumatische Federung, die herkömmliche Federn und Dämpfer vollständig ersetzte, und das unvergleichliche Fahrgefühl, das sie vermittelte, kamen damals den meisten vor, wie von einem anderen Stern. Laut zeitgenössischer Kundenbefragung bot die DS eine unbeschreibliche Bequemlichkeit, eine exzellente Straßenlage und ein sicheres Fahrgefühl. Geschaffen wurden die futuristischen Formen von Citroens Hausdesigner Flaminio Bertoni. Bertoni, nicht zu verwechseln mit dem italienischen Karosseriehaus Bertone, entwarf eine pfeilartige, niedrige Silhouette mit haifischmaulförmig anmutender Front und enger zulaufendem sanft abfallendem Heck (hinten wesentlich schmalere Spur), die in der Gesamtkomposition nicht nur ausgesprochen elegant wirkte, sondern auch einen hervorragenden cW-Wert aufwies. Die komplexe Hydraulik, die die Federung, die Bremsen, die Kupplung, die Schaltung und die Servo-Lenkunterstützung umfasste, ersann Citroens Konstrukteur André Lefèvre. Durch die Hydropneumatik ließ sich die Bodenfreiheit des Fahrzeugs verändern. Bei abgestelltem Motor befand sich die DS auf der tiefsten Stellung. Startete man den Motor baute sich der Druck auf und hob die DS um mehrere Zentimeter in die Höhe. Bewerkstelligt wurde dies durch gasgefüllte Stahlkugeln, deren Gasfüllung von Hydrauliköl über eine Membran unter Druck gesetzt wurden. Die Niveauregulierung der Hydropneumatik hielt die Bodenfreiheit bei unterschiedlicher Beladung sowie bei wechselnden Fahrzuständen konstant. Neben dem Hydropneumatik-Fahrwerk, das einen damals kaum gekannten Federungskomfort bot, waren aber auch die hydraulisch unterstützte Lenkung, die von dem Druckölkreislauf der hydropneumatischen Federung unterstützten vorderen Scheibenbremsen und die halbautomatische Kupplung, der konsequente Leichtbau mit Alu,- und Kunststoffteilen oder die lenkbaren Scheinwerfer wegweisend. Lefèvre baute die DS auf einen Plattformrahmen auf, verwendete für die Karosserie aber leichte und einfach demontierbare Karosserieteile. So bestand etwa die Motorhaube aus Aluminiumblech und die Kofferraumhaube sowie das Dach aus Kunststoff. Nicht nur die Seitenbleche ließen sich leicht abbauen. Zu den wenigen konventionellen Elementen an der DS zählte ihr 1,9 l (später auch mehr) ohv Reihenvierzylindertriebwerk, das zuverlässig und zudem mit einem Leichtmetall-Zylinderkopf versehen war.
Ein Jahr nach dem Erscheinen der DS brachte Citroen mit der ID auch eine vereinfachte (statt des Bremspilzes ein normales Bremspedal, ohne Halbautomatik der DS sondern mit Schaltgetriebe, etc) und nicht so luxuriös ausgestattete Version heraus, die wie die DS stets weiterentwickelt bzw. modellgepflegt wurde und ab Oktober 1969 in die Modelle D-Spezial und D-Super mündete. Mittlerweile hatte sich auch die Formgebung etwas verändert und den „Göttinnen“ ab 1968 eine neue Frontpartie mit Doppelscheinwerfern hinter Glas (innen platziert: mit der Lenkung verbundener Fernscheinwerfer) beschert. Auch die Ausmaße des Fahrzeugs hatte man erweitert.
Wie die DS hatte sich auch der D-Super bezüglich seiner Innenausstattung dem Zeitgeist der 70er Jahre angepasst. Strahlten die älteren DS und ID-Armaturenbretter ein futuristisches und unkonventionelles Flair aus, so musste all das nun einem nüchtern wirkenden, flachen und dunklen Einheits-Armaturenbrett aus Kunststoff mit Rundinstrumenten weichen. Der D-Super besaß einen Reihenvierzylindermotor mit 1,9 l Hubraum und leistete 1973 98 PS. Damit erreichte das aerodynamisch geformte und mit circa 1300 kg für seine Größe und den gebotenen Komfort leichte Fahrzeug eine Höchstgeschwindigkeit von gut 175 km/h. Produziert wurden vom DS und seinen Abkömmlingen in seiner zwanzigjährigen Produktionszeit fast 1,5 Millionen Exemplare, die Kunden in der ganzen Welt fanden.
Fotos & Text: Marina Block
Technische Daten
Motor: ohv Reihenvierzylindermotor, wassergekühlt
Hubraum: 1985 ccm
B x H: 86 mm x 85,5 mm
Leistung: 98 PS bei 5750 U/min
Höchstgeschwindigkeit: 175 km/h
Antriebsart: Frontantrieb
Getriebe: Viergangschaltgetriebe, Fünfgangschaltgetriebe optional, Automatik optional
Karosserie: Karosserie mit Plattformrahmen verschweißt
Vorderradaufhängung: Einzelradaufhängung an gekröpften Querlenkern,hydropneumatische
Federelemente, Querlenker
Hinterradaufhängung: Einzelradaufhängung an Längslenkern, hydropneumatische Federelemente,
Querlenker, Niveauausgleich
Bremsen: vorn innenliegende Scheibenbremsen, hinten Trommelbremsen, hydraulisch betätigt
Radstand: 3125 mm
L x B x H: 4800 mm x 1790 mm x 1470 mm
Gewicht: 1280 kg
Bauzeit: 1955-1975 (alle Varianten)
Preis: 21.460 Fr-1973 D-Super
Stückzahl: 1455746 Ex. insgesamt