Die Entwicklung des Taunus 12M (M=Meisterstück) P4 war ein Gemeinschaftsprojekt von Ford Dearborn und Ford Köln, die vor allem dem VW 1200 aber auch dem Opel Kadett Paroli bieten sollte
Um dem Boom europäischer Kleinwagen in den USA Anfang der 60er Jahre etwas entgegenzusetzen, wollte Ford Dearborn einen eigenen kleinen Kompaktwagen mit dem Namen Cardinal (Vogelart, wie Thunderbird, Falcon etc.) auf den Markt bringen. Die Entwicklungsarbeit sollte logischerweise eine ihrer europäischen Töchter vornehmen, die mit dieser Art von Autos schließlich Erfahrung hatten. Auserkoren wurde Ford in Köln, die gerade an einem moderneren Nachfolger für den Seitenstreifen-Taunus 12M G13 AL arbeiteten. Dennoch war die Wahl nicht ganz verständlich, weil Ford England mit dem Cortina ein exzellentes Fahrzeug in der Kompaktklasse zu bieten hatte.
In ständigem Kontakt der Entwicklungsabteilungen in Dearborn und Köln entstand jedenfalls der Prototyp NPX mit für Ford revolutionärem Frontantrieb, in den USA entwickeltem V-4-Motor aus dem damaligen Ford Mustang und einer Formgebung mit etlichen „amerikanischen“ Stilelementen. Da den Amerikanern die Dimensionen des Fahrzeugs dann aber doch zu klein erschienen, begruben sie das Projekt Cardinal für die USA, gaben allerdings für Europa grünes Licht und der Taunus 12M P4 ging 1962 zuerst als zweitürige Stufenhecklimousine und ab 1963 auch als viertürige Limousine und dreitüriger Kombi in Serie. Bald folgte auch das elegant gestreckte Coupé.
Die wesentlichsten technischen Merkmale des neuen Taunus waren sein Frontantrieb und der platzsparende ohv V-Vierzylindermotor mit Ausgleichswelle. Der P4 war zudem der erste Ford mit Frontantrieb
Da der kompakte V-Vierzylinder mit vollsynchronisiertem und am Lenkrad geschaltetem Viergang-Getriebe, Differential, Antriebswellen und Kupplung eine Baueinheit bildete, wurde auf diese Weise viel Platz eingespart. Der in der Basisversion (zu erkennen an grün lackierten Ventildeckeln) 40 PS-starke 1,2 l-Motor (andere Ausführungen mit 1,5l-Motor hatten 50 bis 65 PS) war kurzhubig ausgelegt und mit einer Ausgleichswelle versehen. Bei den frühen Fahrzeugen gab es große Probleme mit dem Motor und viele Ausfälle. Nach der Überarbeitung wurde die Haltbarkeit des nun bald als unkaputtbar geltenden Motors anschaulich und werbewirksam mit einer auf der Rennstrecke in Miramas veranstalteten Langstreckenfahrt bewiesen über eine Distanz, die der Entfernung von der Erde zum Mond entsprach. Zurückgelegt wurde dieser Weg in 142 Tagen Dauerbetrieb. Auch sonst zeigte sich der P4 nun recht sportlich und brach in Miramas circa 100 Weltrekorde.
Auch das Fahrwerk des P4 machte vor allem anfangs Probleme
Man hatte die unabhängige Vorderradaufhängung so arrangiert, dass der Motor zum mittragenden Element wurde. Das änderte Ford allerdings bald und lenkte den Querlenker am Bodenrahmen an. Die starre und weich gefederte Hinterachse wurde an längsliegenden Blattfedern geführt. Vorn und hinten gab es Querstabilisatoren. Dennoch tendierte das Fahrzeug in Kurven zu einer starken Seitenneigung. Dem Problem begegnete man 1964 mit einer anderen Lagerung der vorderen Blattfeder, härteren Stoßdämpfern und dem Wegfall des hinteren Stabilisators. Zu diesem Zeitpunkt wurde auch das sehr raue und anfangs ebenfalls problemanfällige Triebwerk überarbeitet und optimiert.
Die selbsttragende Karosserie zeichnete sich vor allem durch einen großzügigen Innenraum aus
Der mit einer Länge von 4,25 m für europäische Verhältnisse in dieser Kompaktklasse recht lange P4 ermöglichte in Kombination mit der platzsparenden Motor/Antriebs-Einheit einen großen Innenraum, der fünf Personen viel Bewegungsfreiheit bot. Komfortabel waren auch die breiten Türen. Das auffälligste Designelement in der äußeren Formgebung war eine markante an den Chevrolet Corvair-Stil erinnernde Sicke, im Volksmund auch „Bügelfalte“ genannt, die über die ganze Seitenlinie gezogen war und bis zu den tropfenförmigen Rückleuchten reichte. Amerikanisch wirkten auch die rot aufleuchtenden Blinker, da man keine orangen Blinkeraufsätze verwendet hatte.
Der Taunus 12M P4 (vierte Neukonstruktion bei Ford Köln) war in Deutschland sehr beliebt
Von 1962 bis 1966 wurden über 680000 Exemplare produziert. Allein im ersten Jahr verkauften sich 160000 Fahrzeuge. Seine große Beliebtheit verdankte dieser Ford wohl vor allem dem Umstand, dass er in der Anschaffung und im Unterhalt so günstig war wie ein Kompaktwagen, von seinen Platzverhältnissen her aber eher in der Mittelklasse mitspielte und weit mehr Platz bot als seine Konkurrenten Käfer und Kadett.
Fotos & Text: Marina Block
Technische Daten
Motor: V-Vierzylindermotor, ohv
Hubraum: 1183 ccm
B x H: 80 mm x 58,9 mm
Verdichtung: 7,8:1
Vergaser: Solexvergaser
Leistung: 40 PS bei 4500 U/min
max. Drehmoment: 78 Nm bei 2400 U/min
Höchstgeschwindigkeit: 125 km/h
elektrische Anlage: 6 V
Getriebe: vollsynchronisiertes Vierganggetriebe, Lenkradschaltung
Antriebsart: Vorderradantrieb
Radaufhängung vorn: Dreiecksquerlenker unten, querliegende Blattfeder oben, Querstabilisator
Radaufhängung hinten: Starrachse an längsliegenden Blattfedern, Querstabilisator
Lenkung: Kugelumlauflenkung
Bremsen: Trommelbremsen; ab 1965 vorn Scheibenbremsen
Karosserie: selbsttragende Ganzstahlkarosserie
Radstand: 2517 mm
L x B x H: 4250 x 1594 x 1458 mm
Gewicht: 860 kg
Verbrauch: 8l/100 km
Preis: 5480 DM
Bauzeit: 1962-1966
Stückzahl: ca. 680300