Naether - Kinderwagen (1865)


Einer der ersten und dann auch für einige Zeit der größte Kinderwagenproduzent der Welt war Ernst Albert Naether aus Zeitz in Sachsen-Anhalt, der sein Unternehmen 1846 gründete. In Zeitz kam es daraufhin, inspiriert von Naether aber auch von der englischen Kinderwagenindustrie, die damals nicht nur führend im Fahrradbau sondern auch im Kinderwagenbau war, zu einem regelrechten Boom an Kinderwagenproduzenten. 1875 machten schon 13 Zeitzer Hersteller von sich Reden

Die Stadt entwickelte sich zu einer regelrechten Hochburg an Kinderwagenbauern, die bald Kunden auch über die Grenzen hinaus belieferten. Die Firma Naether bot bereits 1896 gut 100 verschiedene Kinderwagen-Modelle in einem Musterbuch an. Man konnte wie beim Autokauf Extras ordern und wie im Automobilbau gab es auch im Kinderwagenbau Zulieferbetriebe, die etwa Federungen oder andere Teile im Auftrag der Kinderwagenbauer anlieferten. Der erste Hinweis auf die Kinderwagen des Stellmachers Ernst Albert Naether fand sich im Jahr 1850 in der Zeitzer Presse, die über einen Ziehwagen berichtete, den der Stellmacher ausschließlich zum Transport von Säuglingen außerhalb des Hauses gebaut habe. Zwei Jahre später stellte Naether seine Zieh,- und Schiebewagen, die mit Korbaufbauten von örtlichen Korbmachern versehen waren, auf der Leipziger Messe aus. Danach konnte er sich vor Aufträgen kaum retten, denn der Bedarf an diesen Wagen war riesengroß. Das führte dazu, dass Naethers Firma bis 1860 zu einem industriellen Großbetrieb heranwuchs. 1870 nahm man sogar die erste Dampfmaschine für die Massenproduktion der Kinderwagen in Betrieb. Mittlerweile beschäftigte Naether schon 750 Angestellte.

Die Existenz von Kinderwagen hat eine lange Geschichte und kann bis in das 16. Jahrhundert zurückverfolgt werden

Anfangs wurden Kleinkinder mit einigen Ausnahmen aus den Kreisen des Adels vor allem in Ziehwägelchen mit Korbaufbau transportiert. Derartige Ausführungen aus dichtem Korbgeflecht und Holz waren bereits im 16. und 17. Jahrhundert bekannt, wenn auch sehr selten, denn die meisten Menschen waren arm und transportierten ihre Kleinkinder in Tüchern oder, wenn schon auf Rädern, dann im Schubkarren. Speziell für den Transport von Kleinkindern entwickelte, aber doch relativ einfach konstruierte Wagen waren zu dieser Zeit dem wohlhabenden Bürgertum vorbehalten. Weit aufwändigere Konstruktionen, die vom Kutschenbau inspiriert waren und mit viel Metall und dekorativen Korbverzierungen auskamen, gab es häufiger in Adelskreisen des 18. Jahrhunderts. Hier hatte man auch an die Bequemlichkeit gedacht und große Räder sowie lange Deichseln verwendet, so dass die Kinderwagen eine angenehme Höhe erreichten. Für den Adel wurden auch die ersten, fast schon sportlich und leichtgängig wirkenden Konstruktionen mit Schiebevorrichtung gebaut, wie etwa bei einem für die Kinder des Duke of Devonshire gebauten Kinderwagen von 1730. Früh entstanden auch schon Kinderwagen für den Adel, die ein Kummet besaßen und von Kleintieren gezogen wurden. Einen echten Durchbruch im Kinderwagenbau gab es dann Mitte des 19. Jahrhunderts, als Charles Burton in London die erste Kinderwagenfabrik baute. Allerdings stellte er damals dreirädrige Wagen her, die er Perambulatoren nannte und in denen die Kleinkinder, ähnlich wie heute in den dreirädrigen Sportwagen, in Fahrtrichtung saßen. Für Babys waren diese Fahrzeuge allerdings nicht konstruiert. Mit vierrädrigen Gefährten, die für Babys geeignet waren, über einen Korb mit Verdeck verfügten und anfangs zum ziehen aber bald auch zum schieben waren, kam als erster Ernst Albert Naether heraus. Kinderwagen mit kleinen Rädern und langen Schubvorrichtungen gab es ab den späten 20er Jahren des 20. Jahrhunderts. Gebaut wurden sie bis in die späten 50er Jahre hinein, wobei man sich ab der 30er aber vor allem in den 40er und 50er Jahren immer stärker am Automobildesign orientierte und die Kinderwagen zudem auch technisch weiter entwickelte und ihnen bequeme Federungssysteme gönnte.

In der Frühzeit des Kinderwagenbaus waren die Kinderwagen hoch gebaut und mit großen Eisenrädern bestückt. Die Wagenkörper bestanden entweder aus einem Korbgeflecht oder aus Holz

Der abgebildete Kinderwagen von Naether war eine luxuriöse Ausführung mit Lederverdeck und breitem Keramik-Handgriff. Der Korpus bestand aus lackiertem Holz, das an den Seiten mit elegant gestalteten Ornamenten versehen war. Im Wagenboden war ein Fach für die Ablage eines heißen Steins eingelassen, damit es das Baby auch im Winter angenehm warm hatte. Die großen Eisenräder waren auf jeder Seite versetzt angeordnet, so dass sie sich überlappten.

Naethers Unternehmen war jahrzehntelang ausgesprochen erfolgreich und exportierte seine Kinderwagen auch in andere Länder. Nach dem zweiten Weltkrieg entstand unter der Regie des neuen Regimes in Naethers Zeitzer Fabrik die VEB Zekiwa (Volkseigener Betrieb Zeitzer Kinderwagenindustrie) als Zusammenschluss der früher eigenständigen Zeitzer Hersteller

Zekiwa-Kinderwagen wurden in den kompletten RGW-Raum (alle sozialistische Staaten), nach Westdeutschland (Neckermann vertrieb die Kinderwagen ohne Firmenlogo) und in andere europäische Länder exportiert. Sie avancierten zu einem wichtigen Devisenbringer der DDR.

Fotos & Text: Marina Block

Bilder

Informationen:

MarkeNaether
ModelKinderwagen
Baujahr1865

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