Die 1902 von den beiden Stanley-Zwillingsbrüdern in Newton im amerikanischen Bundesstaat Massachusetts gegründete Stanley Motor Carriage Company avancierte zum bekanntesten Dampfautomobil-Unternehmen der Welt
Der größte Dampfautomobil-Hersteller war Stanley zwar nicht, denn die amerikanische Firma White baute weit mehr Dampfautos als Stanley, doch blieben letztere länger (bis 1924) dabei und machten zudem durch Wettbewerbserfolge nachhaltiger auf sich aufmerksam. So stellte ein Stanley Steamer 1906 den Schnelligkeitsweltrekord mit einer Geschwindigkeit von 206 km/h auf. Erst 1911 schaffte es ein Fahrzeug mit Explosionsmotor diesen Rekord zu brechen. Begonnen hatten die Stanley-Zwillinge, die zuvor mit Erfolg fotografische Platten hergestellt hatten, mit dem Bau von Dampfwagen bereits vor der Gründung ihrer Company. Die ersten Versionen entstanden um 1897 und schon wenig später produzierten sie an die 200 dieser frühen Steamer. Einen Bauplan der frühen Version samt Rechten verkauften die beiden an die Firma Locomobile. Nicht lange Zeit später kauften sie die Rechte allerdings wieder zurück.
In den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts bot Stanley eine breite Modell-Palette an. Zu sehen ist hier ein Zweizylinder-Dampfmotor aus dem Modell 607, das um 1914 gebaut wurde
Der Direktantrieb der Hinterachse erfolgte durch ein mit dem Differential verbundenes Zweizylindertriebwerk. Dieser doppelt wirkende Dampfmotor, der einen ähnlichen Wirkungsgrad entwickeln konnte wie ein Achtzylinder-Benzinmotor, wandelte die lineare Bewegung der Kolben über Schiebegestänge, Pleuelstangen und Differential in eine Drehbewegung um. Die doppelt wirkenden Kolben wurden sowohl in der Druck als auch in der Zugbewegung vom Dampf angetrieben. So gab es keinen Leerhub und damit eine höhere Leistung. Ihren Antrieb erhielten sie über den durch eine Leitung nach hinten zu den Zylindern geführten Dampf, der über einen Schieber gesteuert wurde. In einem für Stanley typischen großen und leichten, mit Klavierdraht umwickelten Kessel, der über hauchdünne stehende Rauchrohre verfügte, wurde Wasser bis zum Siedepunkt durch eine externe Wärmequelle (Brenner, Pilotbrenner) erhitzt. Der so entstehende Dampf stand unter hohem Druck und wurde oberhalb des Wasserspiegels durch eine Leitung abgezapft und zu den Kolben des Dampfmotors geleitet. Dann drückte der Dampf die Kolben weg und sie leisteten ihre Arbeit. Waren sie am Ende angekommen, wurden in den Zylindern Ventile geöffnet und der abgekühlte Dampf konnte entweichen. Nun wurde durch ein Ventil an der Kolbenunterseite Dampfdruck eingelassen und drückte die Kolben wieder in ihre Ursprungsposition zurück. Schließlich startete der Vorgang wieder von Neuem. Der Stanley-Motor galt mit circa 1500 U/min als eine schnellaufende Kolbendampfmaschine. Um den Wasserbedarf geringer zu halten und die Fahrzeuge effizienter zu machen, bekamen die späteren Stanleys Kondensatoren, die den überschüssigen Dampf wieder in Wasser umwandelten. So hielt eine Wasserladung weit länger als zuvor.
Fotos & Text: Marina Block
Technische Daten
Triebwerk: Zweizylinder doppelt wirkend, an Hinterachse
Hubraum: 997 ccm
B x H: 76,2 mm x 102 mm
Kessel: 23 in Durchmesser, vorn platziert
Kesseldruck: bar
Leistung: PS
Höchstgeschwindigkeit: ca. 75 mph km/h
Tank für Brenner: hinten, 20 Gallonen Kerosin
Benzintank für Pilotbrenner: unter Vordersitz, 4 Gallonen
Verbrauch Brennstoff: 1 Gallone pro 12 Meilen
Verbrauch Wasser: