In Deutschland gab es mehrere Zentren des Kinderwagenbaus
Im sächsischen Städtchen Zeitz kam es bereits im 19. Jahrhundert, inspiriert von der englischen Kinderwagenindustrie, zu einem regelrechten Boom an Kinderwagenproduzenten. Bereits 1875 existierten dort 13 Hersteller. Die Stadt in Sachsen-Anhalt entwickelte sich zu einer regelrechten Hochburg an Kinderwagenbauern und belieferte bald Kunden auch über die Grenzen hinaus. Naether, der erste und größte Kinderwagenproduzent dieser Region, bot 1896 in seinem Katalog schon gut 100 verschiedene Modelle an. Ein zweiter früher Standort der Kinderwagenindustrie war Rothenburg ob der Tauber. Hier baute die Firma Heinrichmaier & Wünsch unter dem Markennamen Bavaria und die Firma Haag & Saalmüller unter dem Markennamen Hasa ebenfalls seit dem späten 19. Jahrhundert Kinderwagen, Puppenwagen und Kindermöbel.
Auf die Herstellung von Kinder und Puppenwagen hatte sich die in Rothenburg ob der Tauber ansässige Firma Haag & Saalmüller, kurz HASA genannt, bereits um 1900 konzentriert und baute selbige noch bis in die späten 60er Jahre hinein
Die Kinderwagen und Holzwarenfabrik aus Rothenburg stellte nicht nur Kinder,- und Puppenwagen her, sondern wie aus einem Prospekt von 1914 zu ersehen ist, auch Klappfahrstühle, Leiterwagen, Kinder,- und Puppenmöbel, Ruhestühle, Schaukeln, Kinderfahrräder, Schreibpulte, Schlitten und Kindersportwagen.
Die Existenz von Kinderwagen ist vielleicht nicht ganz so alt, wie die Erfindung des Rades, hat aber dennoch eine lange Geschichte und kann bis in das 16. Jahrhundert zurückverfolgt werden
Ziehwägelchen mit Korbaufbau aus dichtem Korbgeflecht und Holz waren bereits im 16. und 17. Jahrhundert bekannt, wenn auch äußerst selten, denn die meisten Menschen waren arm und transportierten ihre Kleinkinder in Tüchern oder, wenn schon auf Rädern, dann im Schubkarren. Speziell für den Transport von Kleinkindern entwickelte, aber doch relativ einfach konstruierte Wagen waren zu dieser Zeit dem wohlhabenden Bürgertum vorbehalten und entstanden nur in raren Einzelanfertigungen. Weit aufwändigere Konstruktionen, die vom Kutschenbau inspiriert waren und mit viel Metall und dekorativen Korbverzierungen auskamen, gab es häufiger in Adelskreisen des 18. Jahrhunderts. Hier hatte man auch an die Bequemlichkeit gedacht und große Räder sowie lange Deichseln verwendet, so dass die Kinderwagen eine angenehme Höhe erreichten. Für den Adel wurden auch die ersten, fast schon sportlich und leichtgängig wirkenden Konstruktionen mit Schiebevorrichtung gebaut, wie etwa bei einem für die Kinder des Duke of Devonshire gebauten Kinderwagen von 1730. Früh entstanden auch schon Kinderwagen für den Adel, die ein Kummet besaßen und von Kleintieren gezogen wurden. Einen echten Durchbruch im Kinderwagenbau gab es dann Mitte des 19. Jahrhunderts, als Charles Burton in London die erste Kinderwagenfabrik baute. Allerdings stellte er damals dreirädrige Wagen her, die er Perambulatoren nannte und in denen die Kleinkinder, ähnlich wie heute in den dreirädrigen Sportwagen, in Fahrtrichtung saßen. Für Babys waren diese Fahrzeuge nicht konstruiert. Mit vierrädrigen Gefährten, die für Babys geeignet waren, über einen Korb mit Verdeck verfügten und anfangs zum Ziehen aber bald auch zum Schieben waren, kam als erster der Zeitzer Stellmacher Ernst Albert Naether heraus.
Vor allem in den 40er und 50er Jahren war der enge Bezug zum Automobildesign jener Zeit auffällig
War es einst der Kutschenbau, der einen Anhaltspunkt für den Kinderwagenbau bot, so wirkte in den späten 40er und 50er Jahren der Automobil,- und Motorradbau inspirierend. So kamen Schutzbleche für die Räder, verchromte Stoßstangen, Scheibenräder, Zierleisten, Verdeckführungen wie beim Cabriolets-Verdeck, sogar gelegentlich Rücklichter und etliche andere automobile Details in Mode. Vor allem verchromte Elemente, geschwungen barocke Linien oder die Pontonform spielten in den 50er Jahren, wie beim Automobil, eine wichtige Rolle. Auch der Wagenkörper des Hasa-Sportkinderwagens von 1950 war im rundlichen Ponton-Stil gestaltet. Besonders elegant und schnittig wirkten die geschwungen gezeichneten und in den Wagenkörper integrierten Kotflügel. Der Wagen war gut gefedert und besaß eine verstellbare Rückenlehne. Allerdings gab es, wie für Sportausführungen damals meist üblich, kein Verdeck.
Fotos & Text: Marina Block