In den 60er Jahren weitete die Firma Glas aus Dingolfing, die bis dato bekannt war für ihre erfolgreichen Kleinwagenmodelle Goggomobil und Isar, mit der 04-Baureihe ihr Geschäft auf den Bau von Fahrzeugen der unteren Mittelklasse aus
Hans und Andreas (Sohn) Glas, denen laut eigener Aussage "der gesunde Hausmannsverstand" die Marktforschung ersetzte, nutzten mit sicherem Instinkt die Lücken im Programm der Großen erfolgreich aus. Beweglicher agierend als ein schwerfälliger Konzern, konnten sie bald mehr Autotypen anbieten als damals etwa das Volkswagenwerk, Europas größter Autoproduzent. Für einige Modelle ließ Glas seine Karosserien beim Turiner Karossier Pietro Frua entwerfen. Einen Teil der Karosserien bezogen die Dingolfinger zudem als Rohkarossen aus Turin. Auch sonst hatten sie einen Sinn für rationelle Fertigung, so waren alle ihre Viertaktmotoren aus demselben Entwurf entwickelt und auf den gleichen Maschinen zu bearbeiten. Ein wesentliches Merkmal aller Mittelklassefahrzeuge von Glas war ein vom ehemaligen BMW-Ingenieur Max Ischinger entwickelter Hochleistungsmotor. Dieser ohc Reihenvierzylinder besaß neben anderen gut durchdachten Details zum ersten Mal im Serienautomobilbau eine über einen Zahnriemen statt einer Kette angetriebene, obenliegende Nockenwelle. Außerdem verfügte er über eine äußerst elegante Konstruktion, bei der die Ventilsteuerung ohne Kipphebelwelle auskam. Beides hielt später Einzug in den allgemeinen Motorenbau. Der neue Reihenvierzylindermotor mit fünffach gelagerter Kurbelwelle feierte im Glas S1004 von 1961, der auf dem verlängerten Fahrwerk des Glas Isar entstand, sein Debut. In vergrößerter und leistungsgesteigerter Form wurde der Motor dann in allen folgenden Glas-Mittelklassemodellen verwendet, so auch im 1304 CL von 1966 mit 1,3 l Triebwerk. Die TS-Version des 1304, der den Motor des Modells 1300 GT mit der viersitzigen Karosserie des 1204 verband, war bereits seit 1965 auf dem Markt.
Die 04er-Baureihe von Glas, die über eine sehr kantige Formgebung verfügte, überzeugte durch ihre Sportlichkeit und die hohe Leistungsfähigkeit, Drehfreudigkeit sowie Elastizität der Motoren
Unter Liebhabern preiswerter sportlicher Fahrzeuge galten Modelle der 04-Baureihe schnell als „heiße Öfen“ und waren sehr beliebt
Ein Glas 1304 TS mit 1,3-Liter-Motor und 85 PS kostete zum Beispiel lediglich 7770 DM und ermöglichte eine Höchstgeschwindigkeit von 170 km/h. Beschleunigen konnte er in knapp 12 Sekunden auf 100 km/h. Damit kam er auf ähnliche Leistungen wie einige weit teurerer Automobile im Sportwagensektor. Etwas gewöhnungsbedürftig war allerdings das Fahrverhalten der 04er-Baureihe, da man bei ihr primär auf Leistung gesetzt und dabei weniger auf das dazu passende Fahrwerk geachtet hatte. Vorn gab es Einzelradaufhängung an Doppel-Querlenkern, Schrauben,- und Gummihohlfedern, hinten dominierte bei den Hecktrieblern die blattgefederte Starrachse mit Panhardstab. Bei normaler Fahrweise gab es kaum Probleme. Wollte man aber das Leistungspotential des Glas voll ausnutzen, war fahrerisches Können gefragt, denn der Glas war frontlastig und das Kurvenverhalten bei höherem Tempo nicht ganz optimal. Doch Könnern machte das gar nichts und Fahrer wie Gerhard Bodmer gewannen mit TS-Exemplaren der 04-Baureihe etliche Tourenwagenrennen.
Die 1966 herausgebrachte CL-Ausführung des 1304 (es gab auch einen 1004 CL) galt als ein Pionier unter den kompakten Heckklappenautos
Bis auf das Heck war die CL-Version mit dem 1304 identisch. Das Heck des ersten deutschen Heckklappenkompaktautos besaß hingegen die ansprechende Form eines Fastbacks und war mit einer nach oben zu öffnenden Klappe samt abbaubarer Abdeckplatte versehen. Durch Umklappen der hinteren Sitze erhielt man einen sehr geräumigen Transportraum. Ein weiterer Vorzug des auch als Sportkombi zu bezeichnenden CL war zudem die bessere Entlüftung durch die hinteren Dachholme.
Glas ging Ende 1966 in BMW auf
Der ehemalige Landmaschinenfabrikant Glas hatte mit dem Goggoroller, dem Goggomobil und dem Isar die Bevölkerung erfolgreich in die Wirtschaftswunderzeit begleitet. Nun auch seine Mittelklassemodelle und das V8-Oberklassemodell gut zu vermarkten, machte zusehends Probleme, vor allem wohl weil das Händlernetz von Glas aus Landmaschinen,- und Kleinwagenhändlern bestand. Auch die Entwicklungskosten etwa des Glas 1700 oder des V-8-Modells hatten es in sich. Als es immer schwieriger wurde, sich schnell gegen eine kapitalkräftige Konkurrenz zu behaupten, trat Glas mit verschiedenen Autokonzernen in Verhandlungen ein. Allerdings bestand über den befreundeten Münchener BMW-Händler und ehemaligen Rennfahrer Schorsch Meier bereits eine gute Kommunikationsebene zu BMW. Und BMW hatte Interesse, sogar soviel Interesse an dem Ingenieurswissen der Firma Glas, dass die Verantwortlichen sehr viel für Glas zu zahlen bereit waren. In der Folgezeit baute BMW einige Glas-Modelle noch kurzzeitig weiter. Ende der 60er Jahre verschwand der Name Glas in Deutschland dann aber leider endgültig.
Fotos & Text: Marina Block
Technische Daten
Motor: ohc Reihenvierzylinder, Nockenwellenantrieb über Zahnriemen
Hubraum: 1290 ccm
Leistung: 60 PS bei 5000 U/min
Verdichtung: 9:1
Höchstgeschwindigkeit: ca. 160 km/h
Vergaser: 2 Solex-Flachstromvergaser
Kupplung: Einscheibentrockenkupplung
Getriebe: vollsynchronisiertes Vierganggetriebe, Mittelschaltung
Karosserie: selbsttragende Ganzstahlkarosserie, Viersitzer
Vorderradaufhängung: an Doppelquerlenkern, Schrauben,- und Gummihohlfedern, Querstabilisator
Hinterradaufhängung: Starrachse an halbelliptischen Blattfedern, Gummihohlfedern, Panhardstab
Bremsanlage: vorn Scheibenbremsen, hinten Trommelbremsen
Radstand: 2100 mm
Gesamtmaße: 3835 x 1500 x 1355 mm
Verbrauch: 9,7l auf 100 km
Stückzahl: Glas 1304 CL- 8233 Ex.
Preis: 6685 DM
Bauzeit: 1966/67 (1304 CL)