Melkus - RS 1000 (1969/2006/2012)


Mit Mittelmotor, Flügeltüren nach Mercedes 300 SL-Manier, einem niedrigen cw-Wert von 0,30 und attraktiver, italienisch anmutender Formgebung erregte der ultraflache und mit knapp 700 kg fliegengewichtige Melkus RS (Rennsport) 1000 aus Dresden sowohl 1969 als auch in der Wiederauflage von 2006 viel Aufsehen. In der DDR war dieser einzige serienmäßige Sportwagen des Ostblocks eine Ikone

Dank seines Erscheinungsbildes, das an Ferrari-Design erinnerte, erwartete man beim Start des Motors ein tiefes Grollen und die sonoren Klänge eines vielzylindrigen Hochleistungsviertakters, jedoch nicht das hohe reng-deng-deng des Melkus. Als Antriebsaggregat beherbergte das ultraflache, zweisitzige Sportcoupé nämlich einen Zweitakter. Vor der Hinterachse saß ein Dreizylinderzweitaktmotor, der vom Wartburg 353/1-Motor abgeleitet war, in der Straßenversion 70 PS bei 4500 U/min und in der Rennversion 90 PS leistete. Auch die Wiederauflage des Melkus von 2006 war mit einem derartigen Zweitakt-Triebwerk bestückt.

Der offizielle Anlass zum Bau dieses Sportwagens war das 20. Gründungsjubiläum der DDR

Heinz Melkus kannte sich mit den problematischen Gepflogenheiten im sozialistischen Obrigkeitsdickicht aus und hatte beste Verbindungen. So konnte er nicht nur ein Netz an Fahrschulen in der DDR aufbauen, sondern auch den Motorsportverband ADMV davon überzeugen, dass ein komplett in der DDR konstruierter Rennsportwagen für das Ansehen der DDR unbedingt notwendig sei. Er erhielt die Legitimation diesen Wagen zu entwickeln. Gearbeitet wurde an der Konstruktion in einem Gemeinschaftsprojekt mehrerer Institutionen, das unter der Bezeichnung „Arbeitsgemeinschaft Sportwagen“ firmierte. An der Entwicklung und dem Bau des schnittigen Sportwagens waren die Hochschule für bildende Kunst aus Berlin-Weißensee, die Abteilung für mechanische Baugruppen der Automobilwerke Eisenach, die Robur-Werke in Zittau, die die Plastikelemente und Flügeltüren herstellten und natürlich die Firma Melkus selbst beteiligt. Dank der gut funktionierenden Teamarbeit rollte das erste Sportcoupé bereits nach fünf Monaten aus Heinz Melkus Dresdener Fabrikationsstätte. Es war sowohl straßentauglich als auch für die Gruppe 4 nach FIA-Reglement aufrüstbar.

Die Melkus-Familie aus Dresden war in der DDR eine Rennsportlegende

Heinz Melkus, später auch sein Sohn Ulrich und der Kfz-Mechaniker Frieder Rädlein bauten schon seit geraumer Zeit Rennwagen, die in der Rennsportszene als „Melkus-Zigarren“ bekannt waren, und beteiligten sich mit ihnen an Meisterschaften. Vor dem Bau der Mauer nahmen Heinz Melkus und Frieder Rädlein auch oft an Rennen auf dem Nürburgring und in Hockenheim teil. Danach war das nicht mehr möglich. Es blieben nur noch der Formelrennsport in der DDR und die Wettbewerbe, die zwischen den sozialistischen Ländern ausgetragen wurden. Heinz Melkus war hier ganz besonders erfolgreich und gewann 80 seiner 200 gefahrenen Rennen. Neben 6 DDR-Meisterschaftstiteln holte er auch dreimal den Pokal für Frieden und Freundschaft der Osteuropameisterschaft. Sein Sohn Uli wurde ebenfalls ein erfolgreicher Rennfahrer bis er 1990 bei einem Autounfall tödlich verunglückte.

Ausgangsbasis für den attraktiven RS 1000 mit völlig neugestalteter Außenhaut waren Fahrwerk und Motor des Wartburg 353/1

Allerdings wurde beides kräftig modifiziert und verstärkt. Die mit dem Rahmen und der Fahrgastzelle verschraubte Vorderfront und das Heckteil des RS 1000 bestanden aus glasfaserverstärktem Kunststoff, die Flügeltüren und die Fahrgastzelle mit Überrollbügel aus Stahlblech und die Bodenwanne aus Aluminiumblech. Im Gegensatz zu der flachen Panoramafrontscheibe und der noch flacheren Heckscheibe waren die Seitenscheiben aus Plexiglas.

Das straff gefederte Fahrwerk tendierte in schnellen Kurven zum Übersteuern. Fahrerisches Können und reaktionsschnelle Arbeit am Lenkrad waren da angesagt. In Rennen gefahren wurde der RS 1000 damals von sehr vielen renommierten DDR-Rennfahrern. Zu bekommen waren die 101 gebauten Exemplare nur gegen viel Geld, beste Beziehungen und eine Unterschrift, das Fahrzeug für Sportzwecke einzusetzen, denn der Melkus hatte die Aufgabe das sportliche Renomée der DDR zu fördern.

Zur Erinnerung an den Firmengründer entstand 2006 nach seinem Tod eine limitierte Auflage des RS 1000 in 15 Exemplaren

Das erste der 15 gebauten RS 1000 Sportcoupés und gleichzeitig das letzte, an dem Melkus kurz vor der Pleite noch gearbeitet hatte, ist das abgebildete Exemplar. Als Antriebsaggregat dient bei ihm nämlich nicht, wie bei den anderen, ein Dreizylinder-Zweitakttriebwerk, sondern ein weit leistungstärkerer Müller-Andernach-V-6-Zweitakter. 2011 bekam der Besitzer des RS besagten Motor vom ehemaligen DKW-Rallyefahrer Dr. Hey. Im Jahr darauf wurde der Motor dann von Melkus eingebaut.

Hans Müller aus Andernach war ein gefragter Motoreningenieur

Der ehemalige Leiter der Versuchsabteilung des DKW-Werks in Zschopau ging 1945 nach Andernach und gründete dort seine Firma. Als Zweitaktspezialist entwickelte er Motoren unter anderem für Saab, Hanomag und DKW. Einer seiner berühmtesten Motoren war der Müller-Andernach V-Sechszylinder-Zweitakter. Entwickelt hatte er ihn ursprünglich für den DKW Munga, weil das Militär einen stärkeren Motor forderte. Allerdings ging das Projekt nicht in Serie. Auch bei dem Versuch den DKW F102 mit dem V-6 zu motorisieren, blieb es bei Prototypen. Später waren die leistungsstarken Müller-Andernach-Motoren auch bei Privatleuten sehr gefragt und wurden in verschiedene Sportwagen eingebaut.

Fotos & Text: Marina Block

Technische Daten

Motor: V-Sechszylinder-Zweitaktmotor

Hubraum: 1288 ccm

B x H: 62,5 mm x 70 mm

Leistung: 110 PS bei 4500 U/min

max. Drehmoment: 180 Nm bei 3500 U/min

Beschleunigung: 9 sec. von 0 auf 100 km/h

Vergaser: 3 Solexvergaser

Höchstgeschwindigkeit: ca. 200 km/h

Kupplung: Einscheiben-Trockenkupplung

Getriebe: Fünfganggetriebe

Antriebsart: Hinterradantrieb

Vorderradaufhängung: Schraubenfedern oben, Doppel-Dreiecksquerlenkern unten

Hinterradaufhängung: Schräglenker, Schraubenfedern, Querstabilisator

Karosserie: Fahrgastzelle mit Überrollbügel und Flügeltüren aus Stahl; Front- und Heckpartie aus glasfaserverstärktem Polyester

Radstand: 2450 mm

L x B x H: 4000 x 1700 x 1070 mm

Gewicht: 750 kg

Bereifung: 6.50-13 bis 4.50-13

Bodenfreiheit: 150 mm

Bauzeit: 2006

Stückzahl: Einzelstück mit Müller-Andernach V-6-Zweitaktmotor


Bilder

Informationen:

MarkeMelkus
ModelRS 1000
Baujahr1969/2006/2012

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