Die Highwheeler-Modelle von Schacht und anderen amerikanischen Produzenten galten in den USA als Farmerwagen und waren vor allem für die Bedürfnisse der ländlich lebenden Kundschaft konzipiert. Es gab sie nur in den USA, weil es nur dort bereits Anfang des letzten Jahrhunderts genug Landwirte gab, die sich ein Automobil leisten konnten. Bis das Model T von Ford die Bühne betrat, waren sie die Favoriten dieser wohlhabenden Farmer
Der ehemalige Kutschenbauer Schacht aus Ohio in Cincinnati trat mit seinem Highwheeler-Modell „The Invincible“ (Der Unschlagbare) 1904 eine durchdachte Werbekampagne los, um die Leute auf dem Land für sein neues Produkt einzunehmen.
Die Hauptargumente für den Schacht waren seine hohe Bodenfreiheit und Geländegängigkeit, die einfache, leichte und zuverlässige Bauweise und der gute Komfort
Da es außerhalb der Städte kaum befestigte Straßen gab, hatten Fahrzeuge, die leicht gebaut waren und sehr große, schmale Räder besaßen, unschlagbare Vorteile. Selbst Schlamm und Morast waren für sie kein großes Problem. Lediglich das Anfahren am Berg konnte mühsam werden.
Der Schacht, der fast komplett aus Holz bestand (Chassis, Karosserie, Räder, Kotflügel), war auf Leichtigkeit und Stabilität ausgelegt. Seine Räder waren vollgummibereift und Reifenpannen somit kein Problem. Außerdem waren sie enorm stabil, denn sie bestanden aus Hickory-Holz. Auch der Fahrkomfort war dank der beiden großen Längsblattfederpakete und den darunter liegenden leichten Holzstäben, die die Vorderachse und die Hinterachse verbanden und die Position fixierten, recht annehmbar.
Der Schacht war technisch fortschrittlicher als die meisten seiner Konkurrenten und doch einfach genug, um vom Dorfschmied repariert zu werden
So verfügte er über einen kräftigen, wassergekühlten Zweizylinder-Boxermotor mit Graugußzylindern, Summerzündung, Spritzdüsenvergaser und sechs Ölpumpen. Der Motor, der nur mit vier Schrauben im Holzrahmen verschraubt war, lief ruhig und nahezu vibrationsfrei. Das lag an einer gebogenen Kurbelwellenwange, die ermöglichte, dass die Pleuel nah beieinander saßen. Die einzelnen Zylinder waren viel mehr auf einer Ebene als bei anderen Boxern.
Der Schacht besaß offene Innenbackenbremsen an den Hinterrädern, ein großdimensioniertes Kühlsystem, ein gut durchdachtes und einfach zu handhabendes Reibradgetriebe, eine Rollenlagerung der Räder und der Antriebswelle sowie kettengetriebene Hinterräder. Beim Reibradgetriebe wurde durch die Betätigung eines seitlich sitzenden Hebels eine stufenlose Übersetzungsveränderung erreicht. Um den Kraftschluß zwischen den beiden senkrecht zueinander stehenden Getriebescheiben zu bewirken, trat man das linke Fußpedal und verriegelte es.
Auch der Preis war ein maßgebliches Argument für den Schacht
Schließlich bewarb das Unternehmen sein Produkt als „genau so billig oder
noch preiswerter als Pferd und Buggy, doch zehnmal so effektiv. ...Unvergleichlich preiswert.“ 640 $ für einen Motor-Buggy, wie die Highwheeler damals auch genannt wurden, war ein akzeptabler Preis und so verkauften sich von ihm auch eine stattliche Anzahl an Exemplaren.
Die Tin Lizzie von Ford übernimmt das Ruder
Als Ford 1909 mit seinem Model T herauskam, war das Ende der Highwheeler abzusehen, denn das Model T sprach nicht nur mit nahezu denselben Argumenten auch dieselbe Kundschaft an, die Tin Lizzie war zudem noch weit komfortabler und servicefreundlicher als ein Highwheeler. Damit war bald auch das Ende des „Invincible“ besiegelt. 1910 wurde seine Produktion eingestellt und die Schacht Motor Company konzentrierte sich bis weit in die 30er Jahre hinein auf die Fertigung von LKWs.
Fotos & Text: Marina Block
Technische Daten
Motor: wassergekühlter Zweizylinder-Boxermotor, sv
Hubraum: 2600 ccm
Leistung: 18-20 PS
Höchstgeschwindigkeit: ca. 50 km/h
Zündung: Summerzündung
Vergaser: Shebler-Spritzdüsenvergaser
Radaufhängung vorn: Starrachse, Blattfedern, längs
Radaufhängung hinten: Starrachse, Blattfedern, längs
Getriebe: stufenloses Reibradgetriebe
Chassis: Leiterrahmen
Bremsen: Bremse auf Hinterräder, Feststellbremse
Räder: anfangs 36“, später 40“
Reifen: Vollgummibereifung
Gewicht: 450 kg
Preis: Modell H- 640 $
Bauzeit: 1904-1910