Volvos Chefdesigner Jan Wilsgaard erhielt Anfang der 70er Jahre den Auftrag, auf Basis des beliebten Sportcoupés P 1800 einen sportlichen Kombi zu entwickeln, in dem eine Golfausrüstung bequem Platz fände
Anlass für diesen Auftrag waren die vor allem in England und Amerika gerade sehr angesagten Sportwagen mit Kombiheck, kurz Shooting-Brakes genannt. Ausgelöst hatte die Modewelle in England der Reliant Scimitar GTE von 1967, der zu den Pionieren dieser Karosserieform zählt und als erster in Serie gebauter Shooting-Brake gilt. Auch den Amerikanern, als wichtigen Abnehmern europäischer Sportwagen, gefiel der Shooting-Brake zunehmend.
Das Design des Volvo P 1800 Sportcoupés stammte von Pelle Petterson
Der Sohn des Buckel-Volvo-Designers Helmer Petterson hatte die Form, die ein wenig an die damalige Ferrari-Formgebung erinnerte, 1957 bei seinem Arbeitgeber, dem Turiner Karossier Pietro Frua entworfen. Bei Frua entstanden auch die ersten drei Prototypen des P 1800. Das 1960 auf der Brüsseler Motorshow erstmals präsentierte Sportcoupé wurde ein großer Erfolg. Richtig bekannt machte ihn die englische Krimiserie „The Saint“ mit Roger Moore in der Rolle des Simon Templar, der diesen Sportwagen fuhr. Die ersten Exemplare des P 1800 Sportcoupés wurden übrigens bei Jensen in England gebaut. Wegen Qualitätsmängeln holte Volvo die Produktion dann allerdings nach Schweden.
Mit der Entwicklung des Sportkombis versuchte Volvo das Coupé zu modernisieren. Gegenüber futuristischeren Entwürfen von Pietro Frua und Sergio Coggiola setzte sich der Entwurf von Chefdesigner Wilsgaard durch
Jan Wilsgaard übernahm für den landläufig als „Schneewittchensarg“ bezeichneten Volvo P 1800 ES die Formgebung des Sportcoupés bis zur B-Säule und gestaltete dann unter großzügigem Einsatz von Glas eine Seitenansicht mit lang gestreckten Seitenscheiben und eine Heckpartie mit vollständig verglaster Heckklappe. So wirkte der komplette hintere Part wie unter einer Glaskuppel gelegen. Außerdem besaß der Kombi eine recht lange und dank vollständig abklappbarer hinterer Sitzbank auch plane Ladefläche, die durchaus für mehr als nur eine Golfausrüstung Platz bot.
Technisch basierte der ES, wie auch schon das Sportcoupé, weitestgehend immer noch auf solider Amazon-Mechanik
Allerdings gab es einige Ausnahmen. So war der Vierzylindermotor mittlerweile weit leistungsstärker, denn man hatte ihn mit einer Einspritzanlage von Bosch versehen. Bei der D-Jetronic handelte es sich um die erste elektronische Einspritzanalge überhaupt, die beim VW LE/TLE Premiere gefeiert hatte. Viele Schneewittchensärge hatten allerdings Probleme mit ihr und wurden später auf Vergaser-Technik umgebaut. Außerdem besaß der ES eine Zweikreis-Scheibenbremsanlage.
Ein Manko des Schneewittchensargs war sein hoher Preis
So kostete der als gelungene sportkombi mit etwas über 26000 DM Anfang der 70er Jahre weit mehr als ein Audi 100 Coupé S, ein Jaguar XJ6 war kaum teurer und für etwa denselben Preis gab einen BMW 3.0 Si. In Europa wurden von ihm dann auch keine großen Stückzahlen umgesetzt. Vielmehr gingen die meisten 1800 ES in die USA. Da ab 1974 geltende, neue US-Sicherheitsbestimmungen kostspielige Änderungen am Sportkombi nötig gemacht hätten, wurde seine Produktion 1973 eingestellt. In den 80er Jahren lebten dann einige Stilelemente im Volvo 480 ES wieder auf.
Fotos & Text: Marina Block
Technische Daten
Motor: ohv Reihenvierzylinder
Hubraum: 1986 ccm
Bohrung x Hub: 88,9 mm x 80 mm
Leistung: 124 PS bei 6000 U/min
max. Drehmoment: 173 Nm bei 3500 U/min
Verdichtung: 10,5:1
Höchstgeschwindigkeit: ca. 190 km/h
Getriebe: Vierganggetriebe mit Overdrive; auf Wunsch Dreigangautomatik von Borg-Warner
Gemischaufbereitung: elektronische Einspritzanlage Bosch D-Jetronic
Antriebsart: Hinterradantrieb
Vorderradaufhängung: Einzelradaufhängung an ungleich langen Dreieckslenkern, Schraubenfedern
Hinterachse: Starrachse, Längslenker, Schraubenfedern, Panhardstab
Karosserie: selbsttragende Karosserie, Sportkombi (Kombi-Coupé)
Bremsen: Scheibenbremsen, Zweikreisbremssystem, Bremskraftverstärker
Radstand: 2450 mm
L x B x H: 4385 mm x 1700 mm x 1280 mm
Gewicht: 1195 kg
Preis: ca. 26000 DM
Bauzeit: 1971 - 1973
Stückzahl: 8077 Ex.