Der 6 1/2l-Bentley stellte, als er 1925 auf der Londoner Motorshow vorgestellt wurde, das Flaggschiff aus Cricklewood dar. Er trug nicht nur den ersten Sechszylindermotor von Bentley unter der Motorhaube, sondern war auch in der Lage schwere, geschlossene Aufbauten ohne Leistungseinbußen tragen zu können
Walter Owen Bentley hatte das 6 ½ l-Modell vor allem für Luxusaufbauten vorgesehen, um in das Revier der damaligen Luxuswagenproduzenten, wie etwa Rolls-Royce vorzudringen. Ein ganz wichtiges Argument für seine Entscheidung neben dem 3 l Modell mit Vierzylindermotor ein neues Modell für den Luxuswagenmarkt mit einem wesentlich leistungsstärkeren Triebwerk zu entwickeln, lag in der stetig wachsenden Vorliebe eines nicht unerheblichen Teils seiner Kundschaft für besonders luxuriöse, oft geschlossene und meist recht gewichtige Aufbauten begründet. Da für W.O. Bentley galt, dass ein Bentley de facto, egal in welcher Bekleidung, superschnell und zuverlässig sein müsse, lag es nahe, einem angewachsenen Gewicht mit einem größeren Motor und einem verstärkten Fahrwerk zu begegnen.
Der neue Big Six war problemlos in der Lage sogar die schwersten Kaliber unter den Aufbauten zu tragen und dabei in Sachen Beschleunigung und Spitzentempo immer noch außergewöhnliche Geschwindigkeitserlebnisse zu bieten
Das neue ohc Sechszylindertriebwerk mit 6597 ccm Hubraum und 147 PS Leistung war leiser, elastischer und kultivierter als der ohc Vierzylindermotor. Ein wesentlicher Unterschied war, dass die obenliegende, siebenfach gelagerte Nockenwelle des Big Six ihren Antrieb über zwei Kupplungsstangen von der achtfach gelagerten Kurbelwelle erhielt und nicht, wie der 3 l Vierzylinder-Bentley, über eine Königswelle.
In die Automobilgeschichte ging dieses von 1926 bis 1930 gebaute 6 ½ l ohc Sechszylinder-Modell von Bentley vor allem durch die aufsehenerregenden Rennerfolge seiner Sportversion Speed Six ein
Weltweit bekannt machte den 6 ½ l Bentley vor allem ein ganz besonderes Rennen, das sich Bentley-Boy Woolf Barnato mit einem der damals schnellsten Züge der Welt lieferte. In einem von Gurney Nutting eingekleideten Speed Six Coupé trat Barnato im Jahre 1930 gegen den berühmten Zug „Le Train Bleu“ an, der auf der Strecke von Cannes nach Calais verkehrte, und schlug ihn um Längen bzw. Stunden. Duelle zwischen Giganten gab es auch nachher noch viele, so etwa zwischen Rudolf Caracciolas Mercedes-Benz SS und Captain Woolf Barnatos Bentley Speed Six.
Eingekleidet wurden 373 Standard-Chassis und 177 Speed Six-Chassis des 6 ½ l-Bentleys von den renommiertesten Karossiers der Welt
Das abgebildete Exemplar von 1928 trägt einen Saloon-Aufbau nach Weymann-Lizenz von Freestone & Webb, eine damals noch junge Londoner Karosserieschmiede, die schnell zu einer der feinsten Adressen für qualitativ hochwertige und äußerst präzise gearbeitete Aufbauten avancierte.
Das Weymann-Prinzip war eine spezielle Leichtbauweise mit leichtem Holzrahmen und Kunstlederüberzug, die damals sehr beliebt war und als modern galt. Tatsächlich reduzierte diese Bauweise das Gewicht um etliche Kilogramm. Außerdem förderte die Weymann-Methode die Langlebigkeit geschlossener Aufbauten. Ein Chassis war damals nämlich sehr verwindungsfreudig und zerstörrte eine geschlossene Karosserie relativ schnell. Ein Weymann-Aufbau jedoch war flexibel und dadurch haltbarer. Außerdem trug das Weymann-System zur Geräuschreduktion bei, da die Aufbauten weniger zum klappern und knarren neigten, als es damals bei Blechbeplankungen üblich war. Das abgebildete Fahrzeug ist eine formelle Limousine mit abgetrenntem Fahrgastraum. Die Kommunikation zwischen Fahrer und Fahrgästen erfolgte über ein Sprachrohr.
Fotos & Text: Marina Block
Technische Daten
Motor: ohc Sechszylindermotor mit 24 Ventilen
Hubraum: 6597 ccm
B x H: 100 mm x 140 mm
Verdichtung: 4,4:1
Leistung: 147 PS bei 3500 U/min
Vergaser: Smith-Vergaser 4LSA
Höchstgeschwindigkeit: 140 km/h
Zündanlage: Doppelzündung über Magnet und Spule; zuvor über zwei Magneten
Kupplung: trockene Scheibenkupplung
Getriebe: Vierganggetriebe
Bremsen: Perrot-Bremsen, ab 1927 mit Dewandre-Servounterstützung
Chassis: verstärkter Pressstahlrahmen
Vorderradaufhängung: Starrachse, Halbelliptikfedern, Reibungsstoßdämpfer
Hinterradaufhängung: Starrachse, Underslung-Bauweise, Halbelliptikfedern
Radstände: 3353 mm, 3688 mm, 3841 mm
Länge: 4597, 4891, 4953 mm
Spur: 1422 mm
Breite: 1740 mm
Räder: Rudge-Whitworth Drahtspeichenräder
Gewicht: offene Ex. 2133 kg – 2286 kg; geschlossene Ex. 2286 kg – 2438 kg
Preis: 1975 – 2780 Pfund
Bauzeit: Standardausführung 1926 – 1930; Speed Six 1929 - 1930
Stückzahl: Standard 373 Ex.; Speed Six 177 Ex.Motor: