Auch die Frankfurter Adler-Werke reagierten 1955 auf den Trend der Zeit und bereicherten ihr Fahrzeugprogramm, das bis dato aus Automobilen, Motorrädern und Fahrrädern bestand, um ein Rollermodell mit hauseigenem 100 ccm Einzylinder-Zweitakttriebwerk
Im Grunde waren Roller zu der Zeit, als sie das erste Mal in Massen auftauchten, Produkte des Mangels, denn eigentlich strebten die meisten ihrer Besitzer nach einem Automobil. Da Autos aber für das Gros der Bevölkerung noch zu teuer waren, begnügten sich viele mit der nächstbesten Möglichkeit. Und das war der durch seine Karosserie Schutz und Komfort bietende Roller, der in der Werbung auch gern als „Einspur-Auto“ bezeichnet wurde. Aber das zivilisierte Zweirad jener Tage bot durch seine reichhaltige Blechverkleidung nicht nur Schutz vor Schmutz und den Widrigkeiten des Wetters. Es ermöglichte mit seinem freien Durchstieg nun auch Frauen, sich auf einem Zweirad bequem fortzubewegen. So skurril es heute erscheinen mag, aber in den 50er Jahren schrieb die Konvention Frauen vor, Röcke und Kleider zu tragen.
Der Roller vereinte also einiges in sich. Er war ein „Fast-Automobil“, er sollte möglichst komfortabel und einfach zu bedienen sein und er machte die Frauen unabhängiger. Jedenfalls avancierte er bald zur Manifestation eines Lebensgefühls und zum Kultobjekt einer jugendlichen Subkultur in der Wirtschaftswunderzeit.
Piagios Vespa hatte mit ihrem Charme und ihrer eleganten Linie den Rollerboom in den 50er Jahren befördert und in alle Welt exportiert Aber auch in Deutschland schossen die Rollerangebote wie Pilze aus den Boden. Fast jeder Motorradproduzent wollte an dem Boom teilhaben. Die Adler-Werke reagierten 1955 eigentlich schon recht spät auf diesen Trend im Zweiradbau. Zudem geschah es auch noch ein wenig gezwungenermaßen, weil die einsetzende Motorradkrise auch dem Traditionsunternehmen aus Frankfurt am Main das Leben schwer machte. Mit dem Junior-Roller brachte die innovationsfreundliche Marke dann aber ein Fahrzeug auf den Markt, dass eindeutige Stärken auf technischem Gebiet und in der Qualität seiner Verarbeitung zeigte.
Adler kam auch spät zum Roller, weil man den gängigen Roller-Konzepten mißtraute
Die Adler-Konstrukteure mit ihren hohen Ansprüchen ans Zweirad hielten nicht viel von den Fahreigenschaften und dem Handling der meisten Roller. Vor allem die kleinen Räder, die eine Menge zum kippeligen Fahrverhalten beitrugen, missfielen. Der Junior-Roller hingegen besaß mit 14-Zoll relativ große Räder. Auch sonst hatte man viel für den Fahrkomfort getan. Wie der wesentlich teurere Heinkel Tourist war auch der Adler MR 100 mit einem elektrischen Anlasser und einer elektrischen 12 V-Anlage (zwei hintereinander geschaltete 6 V-Batterien) bestückt. Auch gab es eine Fußschaltung des Dreiganggetriebes über eine praktische Schaltwippe. Gute Noten erhielt auch das Vollschwingenfahrwerk des Rollers, dessen Vorderrad von einer geschobenen Schwinge und das Hinterrad von einer Langschwinge samt ölgedämpften Federbeinen aufgenommen wurden. Aus dem Motorradmodell M100 hatte man den durchzugsstarken und schlitzgesteuerten Adler-Zweitaktmotor entliehen. Damit machte der Roller auch am Berg eine gute Figur, kam auf eine Höchstgeschwindigkeit von 70 km/h und ließ sich auch mit Sozius noch ganz passabel bewegen. Etwas weniger gut kam hingegen seine Formgebung an. Auf diesem Gebiet konnte er mit der italienischen und auch der italienisch inspirierten Konkurrenz nicht ganz mithalten. Dennoch verkaufte er sich dank seiner technischen Vorzüge und seinem ausgewogenen Fahrverhalten mit über 10000 Exemplaren in nur zwei Jahren gar nicht so schlecht.
Das Ende nahte mit dem Adler-Schicksalsjahr von 1958
Eine lange Zukunft war dem Adler-Roller nicht vergönnt, da die Adler-Werke Ende der 50er Jahre an Max Grundig gingen, der Triumph, Grundig und Adler zusammen schloss. Daraufhin wurde 1958 die Fahrzeugproduktion eingestellt und die Büromaschinenproduktion ausgebaut.
Fotos & Text: Marina Block
Technische Daten
Motor: Einzylinder-Zweitaktmotor, schlitzgesteuert
Hubraum: 98 ccm
B x H: 50 mm x 50 mm
Leistung: 3,75 PS
Verdichtung: 5,7:1
Vergaser: Einschieber-Startvergaser von Amal oder Fischer
Höchstgeschwindigkeit: 70 km/h
Zündung: Batterie-Zündanlage Noris, 12 V (2x6 V-Batterien)
Starter: E-Starter
Getriebe:Dreiganggetriebe, fußbetätigt (Schaltwippe)
Rahmen: Zentralrohrrahmen
Vorderradaufhängung: geschobene halblange Schwinge
Hinterradaufhängung: Langschwinge mit progressiver Federung
Bremsen: Trommelbremsen 125 mm
Radstand: 1295 mm
Reifen: 3.00 x 14“
Gewicht: 115 kg
Farben: metallicgrün, metallicblau
Tankinhalt: 7 l
Verbrauch: ca. 1,7 l auf 100 km
Bauzeit: 1955-1957
Preis: 1150 DM
Stückzahl: ca. 10000 Ex.