So deutlich wie an kaum einem anderen Roller der Wirtschaftswunderzeit ließ sich am Heinkel Tourist der Wunsch nach einem Automobil ablesen. Er war sozusagen der Inbegriff des „Fast-Automobils“
Im Grunde waren Roller zu der Zeit, als sie das erste Mal in Massen auftauchten, Produkte des Mangels, denn eigentlich strebten die meisten ihrer Besitzer nach einem Automobil. Da Autos aber für das Gros der Bevölkerung noch zu teuer waren, begnügte sich ein nicht unerheblicher Teil von ihnen mit der nächstbesten Möglichkeit. Und das war der durch seine Karosserie Schutz und Komfort bietende Roller, der in der Werbung auch gern als „Einspur-Auto“ bezeichnet wurde. Aber das zivilisierte Zweirad jener Tage bot durch seine reichhaltige Blechverkleidung nicht nur Schutz vor Schmutz und den Widrigkeiten des Wetters. Es ermöglichte mit seinem freien Durchstieg nun auch Frauen, sich auf einem Zweirad bequem fortzubewegen. So skurril es uns heute erscheinen mag, aber in den 50er Jahren schrieb die Konvention Frauen vor, Röcke und Kleider zu tragen.
Der Roller vereinte also einiges in sich. Er war ein „Fast-Automobil“, er sollte möglichst komfortabel und einfach zu bedienen sein und er machte die Frauen unabhängiger. Jedenfalls avancierte er recht bald zur Manifestation eines Lebensgefühls und zum Kultobjekt einer jugendlichen Subkultur in der Wirtschaftswunderzeit.
Der von 1953 bis 1965 angebotene und komfortabel ausgestattete Heinkel Tourist nahm eine „gehobene“ Stellung in der Phalanx der damals angebotenen Rollermodelle ein und war der einzige Viertaktroller im Lande
Die Vespa hatte mit ihrem Charme und ihrer eleganten Linie den Rollerboom in den 50er Jahren befördert und in alle Welt exportiert. Aber auch in Deutschland schossen die Rollerangebote wie Pilze aus dem Boden. Fast jeder Motorradproduzent wollte an dem Boom teilhaben. Für den ehemaligen Flugzeugproduzenten Heinkel war die Konstruktion seines „Tourist“ anfangs eher eine Nebenbeschäftigung, denn er stellte erst mal Motoren für einige Automobilproduzenten her. Doch im „zivilisierten“ Zweirad und später im Moped (Perle) und im Kabinenroller sah auch Ernst Heinkel eine neue Chance. So schuf er einen leistungsstarken und schnellen Roller mit erst 150 ccm und dann 175 ccm ohv Viertaktmotor und im Ölbad laufendem Kettenantrieb, dessen Gehäuse als Einarm-Hinterradschwinge fungierte. Das Konzept des Tourist und sein Viertaktmotor waren so gut, dass der gleiche Motor auch für die Heinkel Kabine eingesetzt wurde. Der Tourist hielt auch höchsten Beanspruchungen Stand und war fast schon wie ein Auto mit viel schützendem aber auch glattflächig und windschnittig gestaltetem Blech umgeben. Bald schon bekam er eine Dynastartanlage, ein Vierganggetriebe und eine 12 V Lichtanlage. Der einzige Schwachpunkt des Tourist war seine Schaltung, die auch scherzhaft „eingebaute Diebstahlsicherung“ genannt wurde.
Dieser Roller war auf jeden Fall so gut, dass er mit über 160000 gebauten Exemplaren damals zum meist verkauften, großen Roller überhaupt wurde, der einzige Viertaktroller war er hier sowieso. Selbst nach seinem Produktionsende war der Heinkel Tourist noch eine ganze Zeit lang das am meisten gefahrene Motorrad in Deutschland.
Natürlich war der Name des Rollers auch Programm, denn mit dem im Benzinverbrauch sehr sparsamen Tourist und seiner Zuladekapazität von nahezu 200 kg stand auch weiteren Reisen nichts im Wege. Praktisch war da auch der vordere Gepäckträger, auf dem ein Zelt Platz fand.
Unser Heinkel-Roller ist einer der letzten Touristen, vorn mit einer Kurzschwinge versehen und als A2 mit mehr Chrom bestückt.
Fotos & Text: Marina Block
Technische Daten
Motor: Einzylinder-Viertaktmotor, ohv, gebläsegekühlt
Hubraum: 174 ccm
B x H: 60 mm x 61,5 mm
Leistung: 9,5 PS bei 5750 U/min
Vergaser: Bing 1/20/51
Höchstgeschwindigkeit: ca. 100 km/h
Zündung: Batterie-Zündanlage Bosch, 12 V 90 Watt
Starter: E-Starter
Getriebe: Vierganggetriebe, Drehgriffschaltung
Rahmen: Stahlrohrrahmen
Vorderradaufhängung: Teleskopgabel , (wahlweise ab 1962 geschobene Kurzschwinge)
Hinterradaufhängung: Einarmschwinge als Kettenkasten ausgebildet, Federbein
Bremsen: Trommelbremsen vorn und hinten
Radstand: 1380 mm
Länge: 2020 mm
Reifen: 4.00 x 10“
Gewicht: 148 kg
Tankinhalt: 11,5 l
Verbrauch: 3 l auf 100 km
Bauzeit: 1953-1965; 103 A2: 1960-1965
Stückzahl: 103 A2-55000 Ex.