Mit dem Q Populaire, der ein neues Zeitalter im Automobilbau eröffnete, brachte De Dion Bouton 1903 das Nachfolgemodell ihres ersten vierrädrigen Serienautomobils, des Vis-a-vis auf den Markt
Zu dieser Zeit war De Dion Bouton aus Puteaux nahe Paris bereits zum größten Automobilhersteller der Welt avanciert. Gelungen war dieser Coup Graf Albert de Dion de Malfiance und Georges Bouton. Am Anfang zählte noch ein dritter Mitstreiter zum Team, nämlich der Dampfwagenspezialist Charles Trépardoux. Diese drei Männer hatten 1883 die Firma De Dion, Bouton et Trépardoux gegründet und erst einmal Dampfwagen gebaut bis sich Albert de Dion und Georges Bouton entschieden, sich auf den Explosionsmotor zu konzentrieren, den sie 1890 entwickelt hatten. Dadurch trennten sich die Wege des ehemaligen Teams, denn Trépardoux entschied sich für die Dampftechnologie und verließ 1894 das Unternehmen. Die beiden anderen schrieben mit ihren benzinbetriebenen Fahrzeugen und ihrem hochdrehenden und leistungsfähigen Einzylindermotor Automobilgeschichte und revolutionierten letztendlich das Verkehrswesen jener Zeit.
Dieser Einzylindermotor war so vielversprechend, dass ihn auch viele andere Hersteller als Einbaumotor für ihre Fahrzeuge orderten. Unzählige Pioniermarken verdankten ihm ihre ersten Gehversuche, darunter waren so namhafte Marken, wie Packard, Opel, Adler, Renault und noch 100 andere.
Den ersten großen Beitrag zur Motorisierung lieferte das 1897 herausgebrachte Dreirad von De Dion Bouton, von dem in nur wenigen Jahren gut 15000 Exemplare verkauft wurden. Es mobilisierte damals geradezu die Großstadt Paris und ihre wohlhabende Klientel, für die es damals „in“ war im Bois de Boulogne mit einem Motordreirad von De Dion Bouton und bald auch der Voiturette des Konkurrenten Léon Bollée spazieren zu fahren. Das Dreirad und der ab 1899 gebaute, vierrädrige De Dion Bouton Vis-a-Vis (zugewandte Sitzposition) machten zusammen mit der Motorenproduktion De Dion Bouton zum damals größten Autohersteller der Welt.
Der weitsichtige Graf, der die revolutionäre Bedeutung des Automobils sehr früh erkannt hatte, und der Ingenieur Georges Bouton kamen im Laufe der Zeit auf eine enorme Vielzahl an Patenten
Darunter fiel die Erfindung des ersten Rotationsmotors, des ersten V-8-Motors, des ersten Sternmotors, eines Boxermotors, der De Dion Hinterachse, der Druckumlaufschmierung, eines halbautomatischen Getriebes, des elastisch aufgehängten Motors und vieles mehr. Außerdem gründete Albert de Dion den ersten Automobilclub, die ersten Straßenkarten kamen von ihm und auch der Guide Michelin war seine Idee.
Bei dem Modell Q Populaire befand sich der Einzylindermotor nun erstmals vorn im Fahrzeug verdeckt von einer Motorhaube. Bis dato hatte man die Motoren unter dem Fahrersitz platziert
Ausgestattet war das zweisitzige Fahrzeug mit einer De Dion-Hinterachse, einer Starrachse mit am Chassis befestigtem Differentialgetriebe, das über Doppelgelenkwellen mit den Rädern verbunden war. Ein dünnes Achsrohr hielt die Räder gerade. So gelang eine exakte Radführung. Diese aufwändige und teure Konstruktion wurde später gern für Rennwagen und Fahrzeuge der gehobenen Klasse verwendet. In Transaxle-Bauweise (der Motor ist vorn, das Getriebe hinten), die eine gute Gewichtsverteilung zur Folge hatte, war das Zweiganggetriebe mit dem Differential an der Hinterachse verblockt.
Ferner besaß der Q Populaire ein Doppelkupplungsgetriebe (pro Gang eine Kupplung), das ohne Kupplungspedal auskam. Über einen Hebel an der Lenksäule ließen sich die beiden Gänge anwählen.
Der Hub des Auslassventils wurde über das Bremspedal verkleinert, um den immer auf vollen Touren laufenden Motor zu verlangsamen.
Der Populaire war, wie sein Name schon verriet, ein sehr beliebtes Modell und wurde auch gerne von Frauen gefahren
Von ihm wurden jährlich etwa 4000 Stück angefertigt. Damit war er damals eines der erfolgreichsten Automobile der Welt.
Das abgebildete Exemplar ist eine außergewöhnliche Rarität
Die erste Firma in der Region, die Autos verkaufte, war die Osnabrücker Automobil Gesellschaft Wieman & Co und der De Dion Bouton Q ‚Populaire‘ das erste verkaufte Automobil. Das völlig original erhaltene Fahrzeug stellt in seiner absoluten Authentizität eine Kostbarkeit dar. Da der Dion Bouton ‚Populaire‘ eine große historische Bedeutung für die Region Osnabrück hat, wird er in originalem Zustand belassen. Er ist eines der wenigen Autos im Museum, das nicht mehr fahrfähig ist.
Auf einem der folgenden Fotos ist der erste Besitzer des Autos am Tag der Auslieferung zu sehen. Damals trug das Fahrzeug weiße Reifen, die früher aus brasilianischem Naturgummi hergestellt wurden, was sehr kostspielig war und einen Großteil des Fahrzeugpreises ausmachte. Damals benötigten Reifen auch kein Profil, da man meist auf Sand oder gelegentlich auf Kopfsteinpflaster fuhr. Normalerweise hatte dieses Modell übrigens kein Dach. Das Kutschendach hatte der Besitzer damals für die Dame des Hauses nachgerüstet, um sie vor Regen und Sonne zu schützen.
Fotos & Text: Marina Block
Technische Daten
Motor: Einzylindermotor
Hubraum: 700 ccm
Leistung: 6 PS bei 1500 U/min
Höchstgeschwindigkeit: ca. 35 km/h
Zündung: Batteriezündung
Radaufhängung vorn: Starrachse, Blattfedern
Radaufhängung hinten: Starrachse, De Dion-Achse, Blattfedern
Getriebe: Zweiganggetriebe, Differential mit Getriebe verblockt
Chassis: Leiterrahmen
Bremsen: Bremse auf Hinterräder
Reifen: 26 x 3.00 Wulstreifen
Gewicht: ca. 500 kg
Bauzeit: 1903-1904