Das technische Konzept der Autobianchi Primula (Autobianchi zählte zum Fiat-Konzern) war Mitte der 60er Jahre wegweisend und wurde zum allgemeingültigen Prinzip im Automobilbau
Autobianchi diente Fiat als Versuchsfeld, in dem neue Konzepte auf dem Markt getestet wurden, ohne dass Fiat Gefahr lief beschädigt zu werden, falls der Versuch mal nach hinten los ging. Geglückte Unternehmungen, wie in diesem Fall, übernahm man dann auch für Fiat.
Das wesentliche Merkmal der Primula war, dass in begrenzter Breite die Einheit von quergestelltem Vierzylinder-Frontmotor, Kupplung, Getriebe und Vorderradantrieb untergebracht war.
Zudem war es das erste zum Fiat-Konzern gehörende Fahrzeug mit Frontantrieb und Zahnstangenlenkung.
Verantwortlich für das moderne technische Konzept zeichnete Fiats Chefkonstrukteur Dante Giacosa, der bereits früher an einem Frontantriebs-Konzept gearbeitet hatte, das damals aber nicht verwirklicht wurde.
Unter Ingenieuren war es damals ein Wunschtraum eine Einheit von Motor, Kupplung, Getriebe und Antrieb zu realisieren, weil man vermeiden wollte, große überhängende Gewichte zu haben. Alles auf geringem Raum unterzubringen, war ein Problem, das Dante Giacosa bei der Primula erfolgreich anging. Am Mini von Alec Issigonis, dessen kompakte und funktionale Konstruktion Giacosa bewunderte, gefiel ihm nicht, dass Motor und Getriebe übereinander angeordnet waren und mit demselben Öl arbeiteten. Das machte die Mechanik anfälliger. Dante Giacosa und der junge Ingenieur Ettore Cordiano fanden nun eine geniale, platzsparende Lösung mit einer koaxialen Stange im Getriebe, die die Kupplung betätigte. Der Motor und das daneben liegende Getriebe besaßen unabhängige Schmiersysteme und die Antriebswellen zu den Vorderrädern waren ungleich lang.
Giacosas Konzept, den quer gestellten Motor, das neben liegende Getriebe, die Kupplung und das Differential auf geringem Raum unterzubringen, wurde weltweit kopiert. Ein bekanntes Beispiel dafür war der etliche Jahre später erscheinende VW Golf.
Fortschrittlich war auch das System mit vier Scheibenbremsen und Bremskraftregulierung für die Hinterräder.
Die Karosserie der Primula setzte Maßstäbe
Die Primula besaß eine Schrägheck-Karosserie mit großer Heckklappe und eine umlegbare hintere Sitzbank, so dass eine plane Ladefläche entstand. Dieses Prinzip, das die Primula begründete und das uns heute ganz geläufig ist, wurde zum Standard und später unter der Bezeichnung „Golfklasse“ bekannt.
Die Autobianchi Primula zeichnete sich durch eine enorme Funktionalität, durch eine maximale Innenraumausnutzung bei geringst möglichen Abmessungen, großer Variabilität des Innenraums und großer Ladekapazität aus. Auch das gute Fahrverhalten, das geringe Gewicht, die reichhaltige Ausstattung und seine Zuverläßigkeit sprachen für ihn.
Der Wegbereiter des modernen Automobilkonzepts verkaufte sich gut
Fast 75 000 Exemplare wurden von der bis 1970 produzierten Primula verkauft. Vor allem in Frankreich hatte sie sehr großen Erfolg. In Deutschland wurde sie als NSU Fiat Primula angeboten.
Wie eigentlich alle Fahrzeuge damals war auch die Primula rostanfällig
Um dem Problem zu begegnen, kam der Besitzer unserer Primula auf die Idee, dickes Öl heiß zu machen und dann mit Hilfe einer Spritze überall in den Hohlräumen zu verteilen. Eine einfache und effektive Lösung.
Fotos & Text: Marina Block
Technische Daten
Motor: ohv Vierzylinder, quergestellt
Hubraum: 1221 ccm
B x H: 72 mm x 75 mm
Verdichtung: 8,6:1
Leistung: 59 PS bei 5400 U/min
Höchstgeschwindigkeit: 135 km/h
Lenkung: Zahnstangenlenkung
Getriebe: Vierganggetriebe; Lenkradschaltung
Antriebsart: Vorderradantrieb
Vorderradaufhängung: Dreieckslenker, Querblattfeder
Hinterradaufhängung: Starrachse, Halbelliptikfedern
Bremsen: Scheibenbremsen
Radstand: 2300 mm
Spur vorn: 1341 mm
Spur hinten: 1300 mm
Länge: 3739 mm
Breite: 1478 mm
Gewicht: 830 kg
Tankinhalt: 40 l
Bauzeit: 1964-1970
Stückzahl: 74858