unbekannter Hersteller - Kinderwagen (1958)

Eine Massenfertigung von Kinderwagen gab es erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Ziehwägelchen für den Transport von Kleinkindern mit Korbaufbau aus dichtem Korbgeflecht oder Holz waren bereits im 16. und 17. Jahrhundert bekannt, wenn auch sehr selten, denn die meisten Menschen waren arm und transportierten ihre Kleinkinder in Tüchern oder, wenn schon auf Rädern, dann im Schubkarren. Speziell für den Transport von Kleinkindern entwickelte, aber doch relativ einfach konstruierte Wagen waren auch später noch dem wohlhabenden Bürgertum vorbehalten und entstanden als Einzelanfertigung bei einem Stellmacher. Weit aufwändigere Konstruktionen, die vom Kutschenbau inspiriert waren und mit viel Metall und dekorativen Verzierungen aufwarteten, gab es häufiger in Adelskreisen des 18. Jahrhunderts. Hier hatte man auch bereits an die Bequemlichkeit gedacht und große Räder sowie lange Deichseln verwendet, so dass die Kinderwagen eine angenehme Höhe erreichten. Einen echten Durchbruch im Kinderwagenbau gab es erst Mitte des 19. Jahrhunderts, als Charles Burton in London die erste Kinderwagenfabrik baute. Allerdings stellte er damals dreirädrige Wagen her, die er Perambulatoren nannte und in denen die Kleinkinder in Fahrtrichtung saßen. Für Babys waren diese Fahrzeuge nicht konstruiert. Mit vierrädrigen Gefährten, die für Babys geeignet waren, über einen Korb mit Verdeck verfügten und anfangs zum ziehen aber bald auch zum schieben waren, kam als erster der Zeitzer Stellmacher Ernst Albert Naether heraus. Niedrig gebaute Kinderwagen mit kleinen Rädern und langen Schubvorrichtungen gab es ab den späten 20er Jahren des 20. Jahrhunderts. Gebaut wurden sie bis in die späten 50er Jahre hinein, wobei man sich in den 40er und 50er Jahren immer stärker am Automobildesign orientierte und die Kinderwagen mit Stoßstangen, volluminösen Kotflügeln und Chromzierat ausstaffierte. Technisch hatte man die Wagen zudem immer weiter entwickelt und den Fahrzeugen gute Federungssysteme, Wetterschutz, bessere Bremsen und mehr Funktionalität durch zusammenfaltbare Untergestelle gegönnt.

Ende der 50er Jahre setzte eine Entwicklung zum wieder höher bauenden Kinderwagen ein. Sie erhielten neben größeren Rädern auch höhere Untergestelle, die mittlerweile fast alle über einen Scherenmechanismus zum Zusammenklappen verfügten

Das abgebildete Exemplar war ein damals moderner Faltwagen, dessen Fahrwerk sich über einen Hebel scherenförmig zusammenklappen ließ. Den Kinderwagen-Korpus konnte man leicht vom Gestell abheben und als Baby-Tragetasche nutzen. Lange Seitengriffe aus Metall erleichterten diesen Vorgang enorm. Am Automobildesign orientierte auch dieses Modell sich mit der aktuellen, durch verchromte Zierleisten abgesetzten Zweifarbenlackierung des elegant geschnittenen Wagenkörpers in blau und weiß sowie mit den reduzierten, schlanken Kotflügeln noch in gewissem Sinne, allerdings bereits etwas weniger als üblicherweise in den 50er Jahren. Vielmehr deutete sich hier ein neuer Trend zum praktischen, leichten und gut zu handhabenden Kinderwagen an.

Fotos & Text: Marina Block


Bilder

Informationen:

Markeunbekannter Hersteller
ModelKinderwagen
Baujahr1958

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